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    BERLIN

    Deutschtürken sind Erdogans Trumpf

    Wahlen Türkei - Stimmabgabe Essen
    Es gibt auch andere Kandidaten als Recep Tayyip Erdogan. In den türkischen Medien kommen sie aber kaum vor. Foto: Rolf Vennenbernd, dpa

    Was war das für ein Getöse. Ein türkischer Präsident, der den Deutschen Nazi-Methoden unterstellt. Eine Bundesregierung, die türkischen Politikern Auftritte in Deutschland verbietet. Vor dem Verfassungsreferendum im vergangenen Jahr herrschte Eiszeit zwischen den beiden Ländern. Nun wählen die Türken wieder – doch kaum jemand scheint Notiz davon zu nehmen. Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Regierungspartei AKP verfolgen diesmal eine andere Propaganda-Strategie. Die Erfolgsaussichten sind hoch. Nur, was finden die Türken in Deutschland an diesem Mann, der die Demokratie in seinem Land Schritt für Schritt abschafft?

    Veranstaltungen ignoriert

    Ekin Deligöz ist regelmäßig in der Türkei. Sie ist dort geboren, kam aber schon als Kind nach Deutschland. Die Neu-Ulmer Bundestagsabgeordnete kann kaum glauben, wie einseitig der Wahlkampf dort abläuft. „Die Opposition findet in den zentralen türkischen Medien nicht statt und viele ausländische Journalisten haben das Land ja verlassen“, sagt die Grünen-Politikerin und erzählt ein Beispiel: Als kürzlich eine neue konservative Partei gegründet wurde, seien 20 000 Menschen in die Hauptstadt Ankara gekommen – doch in den meisten Nachrichtensendungen und Zeitungen sei die Veranstaltung ignoriert worden.

    Bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 24. Juni gelten Erdogan und seine AKP als konkurrenzlos. Die knapp 1,45 Millionen stimmberechtigten Türken in Deutschland dürfen schon jetzt wählen. In der Vergangenheit konnte der umstrittene Staatschefs stets auf sie zählen. Auch beim Referendum im April 2017 über die heftig umstrittene Verfassungsänderung war das so. Rein rechnerisch hätten die Türken in „Almanya“ Erdogans Griff nach noch mehr Macht damals verhindern können. Tatsächlich standen sie geschlossener hinter dem Präsidenten als die Landsleute zu Hause. Deligöz hat eine einfache Erklärung für diese ungebrochene Erdogan-Begeisterung: „Die Türken in Deutschland kriegen noch viel weniger mit, wie es im Land wirklich zugeht. Deshalb sind sie noch anfälliger für Manipulationen von dort.“ Auch der schärfere Ton gegenüber Ausländern in Deutschland seit der Flüchtlingswelle 2015 wirke wie eine Wahlkampfhilfe für den Präsidenten. „Wenn es in deutschen Talkshows dauernd um die Gefahren durch den Islam oder Flüchtlinge geht, hilft das Erdogan indirekt sehr. Denn er gibt den Türken in Deutschland das Gefühl, dass er sie vor all den Anfeindungen beschützt“, sagt Deligöz. Tatsächlich zeigen Umfragen, dass sich islamisch-konservative, aber auch viele junge Türken in Deutschland nicht angenommen und schlecht integriert fühlen. Das macht sich Erdogan zunutze. Er gründete sogar ein Ministerium für Auslandstürken, das sich um deren Belange kümmern soll. Das mag Symbolpolitik sein, doch sie zeigt Wirkung. Heute bezeichnen deutlich mehr Türken in Deutschland die Türkei als ihre Heimat als noch vor ein paar Jahren. Auch die Religion spielt dabei eine Rolle. Viele Türken entdecken den Islam gerade neu für sich und in Moscheen wird oft Werbung für Erdogan gemacht.

    Mithilfe der staatstreuen Medien erreicht die Propaganda auch die Wahlberechtigten in Deutschland. In Wahlspots werden allerhand Verschwörungstheorien gesponnen, in deren Zentrum auch die Deutschen stehen. Es gibt sogar eigene Filmchen, die sich speziell an Deutschtürken richten. „Erkenne die Verschwörung, gib deine Stimme ab“, heißt es da unter anderem.

    Nach außen hin moderat

    Offene Anfeindungen gegen die Bundesregierung hat sich der Machthaber von Ankara zuletzt verkniffen, Wahlkampfauftritte im Ausland fanden kaum statt. Doch Deligöz macht sich keine Illusionen. „Erdogan ist sich bewusst, dass er das Geld aus Europa braucht, um die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden. Deshalb gibt sich die AKP nach außen hin moderat. Aber in der Türkei selbst werden Verschwörungstheorien und das Feindbild von Deutschland oder Amerika weiterhin massiv verbreitet“, sagt die 47-Jährige und nennt auch gleich den Grund dafür: „Äußere Feindbilder schaffen eine innere Bindung.“

    Michael Stifter

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