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    Die Ost-West-Seelenschau

    Chefredakteur Paul-Josef Raue       -  Pendler zwischen Ost und West: Der Journalist Paul-Josef Raue schreibt über Vorurteile und Missverständnisse zwischen Ossis und Wessis.
    Pendler zwischen Ost und West: Der Journalist Paul-Josef Raue schreibt über Vorurteile und Missverständnisse zwischen Ossis und Wessis. Foto: Peter Sierigk, dpa

    Der Kriminologe Christian Pfeiffer war mal SPD-Justizminister in Niedersachsen, wirklich bekannt ist der heute 71-jährige Professor aber als Experte in den Medien. An ihn wenden sich Journalisten stets gern, wenn es um die Psychologie des Verbrechens geht. Pfeiffer war es auch, der 1999 in der Magdeburger „Volksstimme“ mit Aussagen zitiert wurde, in denen er zu begründen suchte, warum es in Ostdeutschland eine höhere Ausländerfeindlichkeit gibt: Unter anderem nämlich, weil sich Klein-Ronny in der DDR-Kinderkrippe immer zu einer festen Zeit aufs Töpfchen setzen musste und auch sonst schon ganz früh einem harten Gruppenzwang ausgeliefert war. Und deshalb nun eben leider eine Vorliebe fürs Extreme pflegt.

    Was auf die steile These vom „Zwangstopfen“ folgte, war ein rustikaler Proteststurm aus dem gesamten Beitrittsgebiet. „Herr Pfeiffer, unsere Vergangenheit überlassen Sie bitte uns!“, war wohl die allermildeste unter zahlreichen Wortmeldungen in der „Volksstimme“ und anderen ostdeutschen Medien, es gab auch Morddrohungen. Zehn Jahre nach dem Mauerfall kamen alle gängigen Klischees auf den Tisch. Grundtenor: hier der arrogante West-Professor, dort die untergebutterten Ossis.

    Mittendrin in der Auseinandersetzung war seinerzeit Paul-Josef Raue. Der 1950 in Castrop-Rauxel geborene Journalist aus dem Westen war damals Chefredakteur der „Volksstimme“ und hatte nach der Veröffentlichung der Töpfchen-These nicht nur mit einem immensen Echo umzugehen, sondern in Magdeburg auch eine Podiumsdiskussion mit dem streitbaren Professor zu managen. Bei der wurde Pfeiffer – wenig überraschend – ziemlich böse ausgepfiffen.

    Die Erinnerung an den bizarren Streit ist eine von vielen Episoden aus 25 Jahren deutsch-deutschen Zusammenlebens und -raufens, die Raue jetzt in einem lesenswerten Buch verarbeitet hat: „Die unvollendete Revolution“. Was der Titel bereits andeutet, erklärt die Unterzeile: Ost und West führen immer noch eine „schwierige Beziehung“.

    Der Autor weiß, wovon er schreibt. Rund 30 Jahre lang war er ein Pendler zwischen West- und Ostdeutschland. Als DDR-Korrespondent der „Oberhessischen Presse“ begleitete er 1987 den Abschluss einer Städtepartnerschaft zwischen Marburg und Eisenach, 1990 gründete er mit der „Eisenacher Presse“ die erste deutsch-deutsche Zeitung. Später war er bei der „Volksstimme“ Chefredakteur und dasselbe ab 2009 bei der „Thüringer Allgemeinen“. Folgerichtig präsentiert sich Raue dem Leser als eine Art Mittler zwischen West und Ost, wobei sich das autobiografisch untersetzte Buch aber eher an Leser im Westen richten dürfte: Anhand von Beispielen aus seiner Arbeit erklärt der Autor immer wieder, warum der Ossi so tickt, wie er tickt.

    Auch persönlich geriet Raue in eine heftige Ost-West-Auseinandersetzung, als 2009 der über Thüringen hinaus bekannte ostdeutsche Journalist Sergej Lochthofen nach Differenzen mit der Geschäftsführung als Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ gehen musste – und Raue seinen Posten übernahm. Das sorgte bei Redakteuren und Lesern für Aufruhr: West-Importe seien nicht vonnöten, ließ man den neuen Chef unverblümt wissen. In seinem Buch geht Raue auf Details des Vorgangs nicht ein, er bringt stattdessen über mehrere Seiten hinweg Zitate aus Zuschriften meist empörter Leser. Eine Ursache der bis heute spürbaren Verwerfungen zwischen West- und Ostdeutschen sieht der Autor in zähen Vorurteilen und schlichten Missverständnissen. Dafür liefert er reichlich Beispiele, darunter West-Chefredakteure, die konsequent an den Ost-Lesern vorbei schrieben, und Ostdeutsche, die hinter jeder Kritik an der DDR einen Angriff auf ihre Biografie sahen.

    Dass Raue im Jahr 2015 zu dem Schluss „So hoch wie heute war die unsichtbare Mauer noch nie“ kommt, verwundert dann aber doch – auch angesichts vieler erfolgreich gemeisterter Lebensumbrüche in den neuen Ländern und der inzwischen großen Zahl von Lebensentwürfen, in denen „Ost-West“ keine Rolle mehr spielt. Optimistisch ist dafür der Ausblick des Buches: Die „Dritte Generation Ost“ begreife die Einheit „als Chance und Glück“. Und davon werde auch der Westen profitieren.

    Das Buch: Paul-Josef Raue: Die unvollendete Revolution. Ost und West – Die Geschichte einer schwierigen Beziehung. Klartext-Verlag, 189 Seiten, 14,95 Euro.

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