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    BERLIN

    Die Sehnsucht nach dem besseren Präsidenten

    Früherer US-Präsident Barack Obama in Berlin
    Gedränge in Berlin: Der frühere US-Präsident Barack Obama hat in der European School of Management and Technology 300 junge Menschen aus Europa getroffen, die sich in Bereichen wie der Zivilgesellschaft, der Integration oder der Ernährungssicherung engagieren. Foto: Jörg Carstensen, dpa

    Es ist gut, zurück zu sein.“ Mehr braucht der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gar nicht zu sagen, um das Berliner Publikum zu verzücken. Sein berühmtes, so gewinnendes Lächeln tut ein übriges. An geschichtsträchtiger Stelle, im ehemaligen Staatsratsgebäude der sozialistischen Diktatur DDR, beschwört er die einigende Kraft der Demokratie, die ohne Kompromisse nicht möglich sei. Er bekennt sich zum weltweiten Klimaschutz und zur Kooperation in internationalen Organisationen. Die überwiegend jungen Menschen im Bankettsaal, der heute zu einer privaten Wirtschaftshochschule gehört, klatschen begeistert.

    Im Januar 2017 trat Obama ab

    Wäre der charismatische Mann, der da lässig mit offenem Hemdkragen auf der Bühne steht, der amtierende Präsident der USA, alle Sorgen um das deutsch-amerikanische Verhältnis würden geradezu abwegig erscheinen. Doch es ist Barack Obama, der das Weiße Haus in Washington am 20. Januar 2017 nach achtjähriger Amtszeit verlassen hat.

    Nach dem smarten Demokraten kam ein polternder Republikaner, der statt auf versöhnliche Reden auf Drohgebärden per Twitter setzt. Donald Trump, der 45. US-Präsident, wirkt wie das krasse Gegenteil seines Vorgängers Obama und verstört gerade viele Deutsche zutiefst. Von Klimaschutz hält er nichts, internationale Verträge kümmern ihn wenig, und an der Grenze zum Nachbarn Mexiko will er eine Mauer bauen.

    In Berlin, der ehemaligen Mauerstadt, scheint die Abneigung gegen Trump besonders ausgeprägt, was beim Obama-Auftritt überdeutlich wird. Zwar nennt Obama den Namen kein einziges Mal, widerspräche direkte Kritik am Nachfolger doch dem Ehrenkodex der ehemaligen US-Präsidenten. Trotzdem kommt nie ein Zweifel daran auf, wen Obama im Auge hat, wenn er beklagt, dass ausgerechnet sein Land aus dem Pariser Klimaabkommen aussteige, für das er selbst so gekämpft habe. Oder wenn er von „mächtigen Kräften“ spricht, die die Errungenschaften Europas schlechtmachten. Die „unsicheren Zeiten für die internationale Ordnung“, das verstehen alle im Saal, ohne dass es Obama direkt ausspricht, gehen auf das Konto von Donald Trump.

    Stiftung für die „Anführer von morgen“

    Barack Obama, der als erster Afroamerikaner US-Präsident wurde, ist nicht mehr in offizieller Mission unterwegs, sondern für die Stiftung, die er gegründet hat. Ihr Ziel ist es, die „Anführer von morgen“ zu unterstützen. Mit Geld, Kontakten und Einfluss. „Mich gibt es nur einmal“, sagt Obama vor 300 jungen Leuten aus ganz Europa, sein Ziel sei es nun, sich selbst praktisch laufend zu „duplizieren“. Aufgabe der Obamas der nächsten Generation sei es, sich in Politik und Wirtschaft für eine bessere Welt zu engagieren.

    Weil solche Stiftungen natürlich Geld brauchen, hält Obama zwei Tage zuvor in der Kölner Lanxess-Arena eine Art gigantisches Manager-Seminar. Rund 14 000 Zuschauer hatten für ein Ticket bis zu 5000 Euro bezahlt. Obamas Honorar, gemunkelt wird von bis zu 400 000 Euro, soll zum Teil an seine Stiftung gehen.

    Zwischen den öffentlichen Auftritten trifft Barack Obama Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ihn mit Küsschen auf die Wange und fast verliebt wirkendem Blick auf dem Ehrenhof des Kanzleramts begrüßt. Eineinhalb Stunden nimmt sich Merkel Zeit für den alten Weggefährten, mehr als sie für viele amtierende Staatschefs übrig hat. Über die Inhalte des Gesprächs wird nichts bekannt. Regierungssprecher Steffen Seibert muss anschließend dementieren, dass es sich bei dem Treffen um ein Signal an Trump gehandelt habe: „Diesem Eindruck würde ich entschieden widersprechen.“

    Für Trump ist Deutschland Prügelknabe

    Dass sein Kurzbesuch in Deutschland selige Erinnerungen an vermeintlich bessere Zeiten der transatlantischen Freundschaft weckt, zeigt nur, wie brüchig diese unter seinem Nachfolger geworden ist. Für Donald Trump ist Deutschland zum Lieblings-Prügelknaben avanciert. Doch wenn Trump die Deutschen etwa mahnt, mehr für die Verteidigung auszugeben, dann tut er dies zwar in äußerst rüdem Ton. Er erinnert aber nur an etwas, das bereits sein Vorgänger Obama forderte.

    Die nostalgische Verehrung, die Barack Obama in Berlin entgegenschlägt, lässt sich mit der Bilanz seiner achtjährigen Amtszeit kaum erklären. In die fiel der NSA-Skandal samt Überwachung des Handys von Angela Merkel. Obama hielt am umstrittenen Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba fest. Er griff nicht ein, als der syrische Diktator Baschar al Assad Giftgas gegen die Zivilbevölkerung einsetzte und befahl Drohnenangriffe. Trotzdem wird Obama in Deutschland, zumal in Berlin, verehrt wie kein US-Präsident seit John F. Kennedy. Der hatte 1963 mit seinem legendären Satz „Ich bin ein Berliner“ die Schutzgarantie der USA für Westberlin und ganz Westdeutschland bekräftigt. Kennedy, so heißt es heute, hat bei seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus das Richtige zur richtigen Zeit und vor allem auf die richtige Art gesagt.

    Der eine bejubelt, der andere Ziel von Protesten

    An die genauen inhaltlichen Botschaften von Obamas Auftritten in Berlin dagegen erinnert sich heute kaum mehr jemand. Es ist vor allem seine zugewandte, offene Art, mit der er schon 2008, damals noch als Präsidentschaftskandidat an die Siegessäule verbannt, die Herzen der Hauptstädter gewinnt. Sie jubeln ihm zu, als er 2013 als Präsident zurückkehrt, und 2017 als Nicht-Mehr-Präsident beim evangelischen Kirchentag auftritt. Als sein Nachfolger Donald Trump im selben Jahr zum G-20-Gipfel in Hamburg kommt, wird er Ziel heftiger Proteste feindseliger Demonstranten.

    Mit der Frage, was der Wechsel vom fein gestimmten Obama auf den polternden, auf Krawall gebürsteten Trump für die deutsch-amerikanische Freundschaft bedeutet, hat sich der Politikwissenschaftler Jan Techau beschäftigt. Er ist Direktor des Europa-Programms des German Marshall Fund. (GMF). Die US-amerikanische Stiftung wurde 1972 zum Dank an die US-Bevölkerung für die Marshallplan-Hilfe mittels einer Schenkung der Bundesrepublik Deutschland ins Leben gerufen. Seither widmet sie sich der Förderung der europäisch-amerikanischen Beziehungen. Techau sagt: „Obama und frühere US-Präsidenten wussten natürlich um das große Machtgefälle zwischen den USA und kleineren Staaten wie Deutschland. Trotzdem begegneten sie ihnen auf Augenhöhe. Auch wenn es mal Differenzen gab – und die gab es ja auch früher –, so entstand doch nie der Eindruck, dass sich die USA als Hegemonialmacht gebärden.“

    Ist die Grundlage des „amerikanischen Friedens“ zerstört?

    Es sei nicht neu, dass die USA Macht und Druck ausüben, sagt Techau. Und dass auch mal die Daumenschrauben angezogen würden. „Aber es war das Geheimrezept der Pax Americana, dass die USA ihren Verbündeten das Gefühl gaben, Freunde und Partner zu sein“, so der Experte. Diese Grundlage des „amerikanischen Friedens“ sei nun in Gefahr: „Donald Trump hat diese alte Tradition amerikanischer Außenpolitik fahren lassen und damit viel Vertrauen zerstört. Nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt, wo er mit Alliierten umgeht, als ob sie Befehlsempfänger wären.“

    Techau erinnert daran, dass es Differenzen zwischen Deutschland und den USA auch schon zu Obamas Zeiten gab. Der zentrale Unterschied sei aber der Umgang damit. Der Politikwissenschaftler glaubt, auch den Grund für Trumps Verhalten zu kennen: „Er und seine Leute gehen von unerschöpflichen amerikanischen Machtressourcen aus, davon, dass die USA automatisch immer stärker werden. Partner werden dabei eher als Ballast gesehen.“ Zudem gebe es bei Trump keinerlei geostrategisches Grundverständnis, so Techau: „Er interessiert sich nicht für die Feinheiten der internationalen Politik, sondern holzt mit schlichten Vorstellungen in komplizierte Zusammenhänge hinein.“

    Barack Obama dagegen sei in Deutschland schon seit seinem Wahlkampfauftritt 2008 „der Inbegriff der Sort

    „Aufgeklärt, kooperativ, berechenbar und intellektuell“

    e amerikanischer Präsidenten, die wir mögen“, sagt Jan Techau: „aufgeklärt, kooperativ, berechenbar und intellektuell“. Tatsächlich aber habe sich Obama in seiner Amtszeit gar nicht sonderlich viel um Europa gekümmert. Darum gebe es jetzt auch keinen Grund zur Obama-Nostalgie. Allerdings stehe Barack Obama heute für die Hoffnung, „dass es auch wieder andere US-Präsidenten geben wird, dass es bei einer Amtszeit für Trump bleibt“. Zurück zur alten Weltordnung, warnt Amerika-Experte Techau, werde es auch nach Trump nicht gehen. Aber beim gespannten Verhältnis von heute müsse es nicht bleiben.

    Um ganz andere Möglichkeiten der Entspannung geht es in der Frage, die eine junge Frau stellt, als der Auftritt Barack Obamas vor den Obamas von morgen schon fast zu Ende ist. Wie er sich denn in besonders stressigen Zeiten entspannt hat, will sie wissen, mit Yoga vielleicht? Obama verneint. Und dann bricht er noch einmal aus ihm heraus, der Groll gegen den ungenannten Nachfolger: „Es gibt ganz sicher Politiker, die Meditation vertragen könnten. Die müssten sich einfach mal hinsetzen und nachdenken.“

    Was die Obamas verdienen

    Reden: Immer wieder hat Barack Obama nach seiner Präsidentschaft (bezahlte und unbezahlte) Reden gehalten. Wie die „New York Times“ berichtet, soll er pro Auftritt bis zu 400 000 Dollar (rund 360 000 Euro) kassiert haben. Zum Vergleich: So viel verdiente er als US-Präsident pro Jahr. Michelle bringt es demnach auf 225 000 Dollar (200 000 Euro). Bücher: Millionen verdienen die Obamas mit ihren Büchern. Die Autobiografie von Michelle Obama („Becoming“) erschien am 13. November 2018 weltweit in 32 Sprachen. Allein in Nordamerika verkaufte sie sich in den ersten 15 Tagen mehr als zwei Millionen Mal. In den USA war es das meistverkaufte Buch des Jahres 2018. Im Herbst sollen auch Barack Obamas Memoiren erscheinen. Für beide Bücher bekommen die Obamas vom Verlag Random House 65 Millionen Dollar (58 Millionen Euro). Ein großer Teil ihrer Einnahmen fließt den Obamas zufolge in ihre Stiftung. Sie will junge Menschen weltweit zu bürgerschaftlichem und politischem Engagement anregen. Netflix: Darüber hinaus wollen die Obamas unter die Filmproduzenten gehen. Mit dem Streamingdienst Netflix haben sie einen mehrjährigen Kooperationsvertrag vereinbart. Laut „New York Post“ ist er 50 Millionen Dollar wert. Pension: Bis an sein Lebensende steht ihm eine Pension von 200 000 Dollar (umgerechnet rund 180 000 Euro) zu. Zukunft: Die American University in Washington hat im Jahr 2017 errechnet, dass Barack und Michelle Obama innerhalb der nächsten 15 Jahre insgesamt 242,5 Millionen Dollar (rund 220 Millionen Euro) verdienen könnten. (AZ)
    Früherer US-Präsident Barack Obama in Berlin
    Die bayerische Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze (33) und Barack Obama (57) haben sich am Samstag in Berlin mit der sogenannten Ghettofaust begrüßt. Obama hat selbst im Weißen Haus einige Besucher so empfangen. Foto: Jörg Carstensen, dpa

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