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    BERLIN

    Die letzten Tage der Andrea Nahles

    Nahles tritt vom SPD-Partei- und Fraktionsvorsitz zurück
    Andrea Nahles hat ihren politischen Überlebenskampf nach dem Desaster bei der Europawahl verloren.Wolfgang Kumm, dpa Foto: Foto:

    Ihre Eltern, sagt Andrea Nahles, hätten sie dazu erzogen, niemals vor Verantwortung wegzulaufen. „Und sie haben mir den nötigen Mumm vermittelt, um meinen Lebensweg auch in schwierigen Situationen selbstbewusst zu gehen“, fährt die erste Frau an der Spitze der Sozialdemokratischen Partei Deutschland auf ihrer Internetseite fort. Seit Sonntag sind diese Worte nur noch Hülsen. Die 48-Jährige hat ihren Rückzug aus der Bundespolitik angekündigt. Sie wirft als Partei- und Fraktionsvorsitzende hin, auch ihr Bundestagsmandat will sie zurückgeben.

    Ihren Mumm hat Nahles wohl in den letzten Tagen und Wochen verloren. Vor allem die Männer in der Partei machen ihrer Frontfrau das Leben schwer. Parteikollege und Arbeitsminister Hubertus Heil etwa kündigt eine Grundrente an, vergisst aber zunächst die Finanzierung. Die liefert er später zusammen mit dem Genossen und Bundesfinanzminister Olaf Scholz zwar nach. Aber die Rechnung hat Löcher und hält einer kritischen Betrachtung nicht Stand. Nahles sieht es mit Grausen, sie weiß als ehemalige Arbeitsministerin, dass hier handwerkliche Fehler gemacht wurden und ein sozialdemokratisches Prestigeobjekt beerdigt wurde, bevor es überhaupt Zeit zum Atmen hatte.

    Aus Angst wird Panik

    Die alleinerziehende Mutter hat schon in diesen Tagen vor der Europawahl nicht mehr die Kraft, die Partei zu führen. Sie macht sich rar, lässt Führungsqualitäten vermissen und meidet die Öffentlichkeit. Wenn sie ins Rampenlicht tritt, dann sieht die Öffentlichkeit eine Andrea Nahles, der das Politikerinnenleben schwer zugesetzt hat. Ältere Fotos zeigen eine fröhliche, kämpferische Frau. Das typische Lachen jedoch weicht zuletzt einem gequälten Grinsen. Nahles wirkt vorsichtig, sie schaut sich oft um, sie gestaltet nicht mehr, sie ist jetzt eine Getriebene. Nahles geht es da wie der großen Koalition insgesamt. Die CDU tut sich gerade schwer mit ihrer Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer und ärgert sich über deren Äußerungen zur Meinungsfreiheit im Internet. Die CSU kabbelt sich mit der Bayern-SPD, Streitthema ist die große Koalition in Berlin, die zunehmend nervöser wird. Die Umfragewerte sinken ständig, nur für die AfD gehen sie bergauf, und zwar ausgerechnet im Osten Deutschlands, wo in drei Monaten die Sachsen und die Brandenburger zur Wahl eines neuen Landtags aufgerufen sind. Vor den Kulissen dreschen die Koalitionspolitiker zwar wie gewohnt munter aufeinander ein. Doch in den Hinterzimmern gibt vor allem das Spitzenpersonal von CDU und CSU freimütig zu, dass am Zustand der SPD nichts, aber auch gar nichts erfreulich ist. Groß ist die Angst, dass die Sozialdemokraten alles um sich herum mit in den Abgrund ziehen.

    Brutales Vorgehen von Freunden

    Der Rückzug von Andrea Nahles macht aus der Angst nun eine Panik. Es ist der 26. Mai, an dem Nahles endgültig mit der Abnabelung von ihrer Partei beginnt, auf die sie so stolz ist und der sie seit mehr als 30 Jahren die Treue hält. SPD, das steht bei Nahles für den Zusammenhalt der Gesellschaft, doch die eigenen Genossen verweigern ihr den Rückhalt, nachdem die Sozialdemokraten bei der Landtagswahl in Bremen und bei der Europawahl historische Niederlagen erleiden. Nahles muss ihren Kopf hinhalten. Dabei weiß sie, dass der Niedergang der Sozialdemokratie schon von ihren Vorgängern Martin Schulz und Sigmar Gabriel eingeleitet wurde, dass eigentlich alles schon mit den Hartz-IV-Reformen von Gerhard Schröder begann.

    Für die heimatverbundene Nahles, die mit ihrer Tochter in Weiler in der Eifel auf einem alten Bauernhof lebt, muss das brutale Vorgehen derer, die sich ihre Parteifreunde nennen, wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Gabriel etwa stänkert ein ums andere Mal. Juso-Chef Kevin Kühnert wittert seine Chance und verweigert Nahles die Gefolgschaft.

    Der Frau, die selbst einmal Vorsitzende der SPD-Jugendorganisation war und in diesen Jahren viel Lob einheimste. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil ist ihr keine Stütze, er eiert hilflos herum. Am Mittwoch nach der Europawahl reißt die letzte Verbindung von Nahles zum restlichen Spitzenpersonal. Die Bundestagsfraktion hält eine Sondersitzung ab, nachdem Nahles ihren Job als Fraktionsvorsitzende zur Disposition gestellt und Neuwahlen ausgerufen hat. Die Sitzung gerät zum Spießrutenlauf, Nahles muss durch eine lange Gasse von Kritikern, und jeder darf mal draufhauen. In der Partei ist offenbar in Vergessenheit geraten, dass sie es schon mal ganz gut konnte. Als Bundesarbeitsministerin beispielsweise bekommt sie in den Jahren 2013 bis 2017 eine Menge Zuspruch. Sie ist für die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns verantwortlich, mit dem Tarifeinheitsgesetz stärkt sie die Rolle der großen Gewerkschaften. Selbst aus dem Arbeitgeberlager kommt Anerkennung für ihre Arbeit.

    Schwer geschädigter Ruf

    BDA-Präsident Ingo Kramer etwa hat für die SPD-Ministerin viel Lob übrig. Im September 2017 übernimmt Nahles den Fraktionsvorsitz und ihre Kurve dreht nach unten. Sie fällt mit einigen Peinlichkeiten auf. Ihr Amt als Fraktionschefin läutet sie Richtung Union mit den Worten ein, ab sofort „kriegen sie in die Fresse“. Den Begriff Fremdschämen definiert Nahles wenige Wochen später neu, als ihr zu den Koalitionsgesprächen folgende Sätze einfallen: „Die SPD wird gebraucht. Bätschi. Und das wird ganz schön teuer. Bätschi, sage ich dazu nur.“ Als Nahles dann im April 2018 vom krachend gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz zusätzlich den Parteivorsitz übernimmt, ist ihr Ruf schon schwer beschädigt. Bei einem Wahl-Sonderparteitag verweigern ein Drittel der Delegierten ihrer neuen Vorsitzenden die Gefolgschaft. Die Chefin kann das Ruder nicht herumreißen, die Umfragewerte gehen mit ihrer Beliebtheitskurve in den Keller.

    So nutzt Nahles die letzten Tage, um sich zu sammeln und nachzudenken. Nach der für sie desaströsen Sitzung in der Fraktion geht sie mit der Ahnung in den Himmelfahrts-Donnerstag, dass ihre Tage an der Spitze der Bundestagsfraktion gezählt sind. Einen Gegenkandidaten gibt es zwar noch nicht, aber sie könnte die notwendige Anzahl der Stimmen verfehlen. Das wäre der GAU, mehr Demütigung geht kaum noch. Nahles überlegt weiter und kommt zu dem Schluss, dass sie in diesem Fall als Parteivorsitzende nicht mehr zu halten ist.

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