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    BOLSTERLANG

    Dieser Mann sieht Lawinen kommen

    Bergwacht Michael Purucker
    _ Foto: Ralf Lienert

    Normalerweise vergraben die Allgäuer Bergwachtler eine Puppe, wenn sie am Anfang der Skisaison den Lawineneinsatz proben. Doch Michael Purucker kennt auch den anderen Fall. Er weiß, wie es sich anfühlt, nach einem Menschen aus Fleisch und Blut zu suchen. Der 54-Jährige erinnert sich schmerzhaft scharf an den Tag im Jahr 2009. Schneelawine in Oberstaufen, Berichte über einen Verschütteten.

    Purucker ist damals einer von den „Sondierern“, denen also, die mit der Sonde, einer Art ausklappbarem Meterstab, vorsichtig in den Schnee stechen. „Man merkt, ob man auf einen Stein oder einen Menschen stößt“, sagt der Retter. Bei der Suche damals stoßen sie nur auf den Rucksack des Mannes, samt funktionierendem Sender. Ihn selbst finden sie erst zwei Monate später.

    13 Millionen Wintersportler gibt es in Deutschland

    Allein in Deutschland gibt es 13 Millionen Wintersportler. Drei von ihnen starben vor einer Woche bei einem Lawinenunglück in Südtirol mitten auf der Piste. Und bei vielen anderen fährt jetzt die Angst mit: Kann mir das auch passieren? Wie groß ist die Gefahr?

    „Im Allgäu haben wir jedes Jahr zwei bis drei Lawinen“, erzählt Michael Purucker. Er sitzt in der kleinen Hütte der Skiwacht Bolsterlang am Weiherkopf (Oberallgäu) und wartet auf den nächsten Einsatz. Manchmal ist er zwei Wochen am Stück hier oben, die Höhensonne hat sein Gesicht gebräunt. Auf dem Tisch steht eine Thermoskanne, Stromanschluss gibt es nicht. Durchgeschwitzte Einsatzkleidung ist der Indikator dafür, dass die Sicherheitswacht an stressigen Tagen sechs, sieben Mal verunglückten Skifahrern helfen muss. Meistens würden sie wegen Knie- und Handgelenksverletzungen gerufen, sagt der gebürtige Neusässer, der mit Anfang 30 zur Bergwacht kam und seit zehn Jahren im Allgäu lebt.

    Käme jetzt ein Funkruf, müssten Purucker und sein Kollege die Ski anschnallen und so schnell wie möglich den Verunglückten ausfindig machen. Sie müssten abwägen, wie schwer seine Verletzungen sind und ihn entweder selbst ins Tal bringen oder den Rettungshubschrauber rufen. Doch bisher knarzen nur die Stimmen der Parkplatzwächter aus dem Empfänger auf einem Schrank neben dem Holztisch.

    In Südtirol ging eine Lawine auf eine Skipiste nieder

    Draußen schweben die gelben Kabinen der Hörnerbahn vorbei, darunter zieht sich die gerillte Piste den Weiherkopf hinab. Wenn da eine Lawine abgehen würde – „worst case“, sagt der Bergwachtler, der schlimmste anzunehmende Ernstfall. Er spricht nicht weiter, als wolle er sich gar nicht ausmalen, was dann hier los wäre. In Südtirol ist es so passiert. Die drei Opfer – eine Frau, ihre siebenjährige Tochter und ein gleichaltriges weiteres Kind – fuhren bei bestem Skiwetter im Schnalstal auf der gesicherten Piste. Einen Kilometer lang und 200 Meter breit soll das Schneebrett gewesen sein, das sich aus heiterem Himmel über ihnen löste. Es bewegte sich zu schnell, als dass die Opfer hätten davonfahren können.

    Wer das Risiko begreifbar machen will, findet in Zahlen und Diagrammen nur bedingt Hilfe. Lawinen sind unberechenbar. Wie sollte man so eine Naturgewalt in eine Statistik pressen? Niemand weiß, wie viele Lawinen jährlich allein in den Alpen die Berge hinabrollen. Damit sie in irgendeine Hochrechnung einfließen können, muss sie erst einmal jemand bemerken.

    Seit 70er Jahren trafen 750 Lawinen auf Infratstruktur

    Relativ sicher kann man nur sagen, dass seit den 70er Jahren in Bayern 750 Lawinen auf Infrastruktur trafen – Straßen oder Gebäude etwa. Doch oft gehen sie in Gegenden ab, wo sich normalerweise kein Mensch hinverirrt – obwohl die Berge immer enger bevölkert sind in einer Zeit, in der Skitouren abseits der Piste zum Boom geworden sind. Skifahren und Langlaufen sowieso.

    Wenn jemand belastbare Zahlen hat, dann der bayerische Lawinenwarndienst in München um seinen Leiter Hans Konetschny. Sein Berufsinhalt ist seit vielen Jahren der Schnee. Er sagt Sätze wie: „Wenn du mit einer Naturgewalt zu tun hast, kannst du Restrisiken nicht komplett ausschalten.“ Und er weiß, dass er immer scheitern wird. Daran, Skifahrern absolute Gewissheit zu geben. Da hilft die beste Messtechnik nichts. Der Bayer und sein Team erstellen im Winter jeden Tag einen detaillierten Lawinenlagebericht, an dem sich Bergtouristen orientieren können. „Das Restrisiko so gering wie möglich halten“, nennt Konetschny das.

    Lawinenwarndienst gibt es seit 75 Jahren

    Gleichzeitig dokumentiert seine Zentrale, wie viele Menschen jährlich in Schneemassen ihr Leben verlieren. Konetschnys Behörde existiert seit 1967. Auslöser war ein schweres Unglück damals, bei dem auf der Zugspitze zehn Menschen starben. Jeden Tag um 17.30 Uhr lädt Konetschny jetzt seinen Lagebericht bei Facebook und auf der Internetseite des Lawinenwarndienstes hoch. „Uns gibt es seit 53 Jahren. Und seitdem ist in den gesicherten Bereichen der bayerischen Alpen niemand mehr in einer Lawine umgekommen.“ Deshalb traut er sich auch eine Prognose zu: „Das Risiko, auf einer gesicherten Piste in eine Lawine zu geraten, ist weitaus geringer, als mit einem anderen Skifahrer zu kollidieren.“

    Wer aber auf Skitouren fernab der Piste geht, hat allerdings die Gefahr im Nacken. Allein in Bayern starben in den vergangenen sechs Jahrzehnten 128 Menschen in Lawinen fernab der öffentlichen Pisten. Anderswo ist das Risiko genauso groß. Ein baden-württembergischer Tourengeher verunglückte vor einer Wioche tödlich in der Schweiz. In den Dolomiten kam ein italienischer Skifahrer abseits der Piste ums Leben. Und an Silvester starb ein deutscher Familienvater in Tirol. Er war mit seiner Frau und den zwei Söhnen in einen Steilhang gefahren. Über ihm löste sich ein Tiefschneebrett und riss den 58-Jährigen mit. Der Mann hatte keine Zeit mehr, seinen Lawinenrucksack auszulösen, der ihn aus den Schneemassen ach oben hätte treiben sollen.

    Ein Verschütteter hat 15 Minuten lang gute Überlebenschancen

    Bergwachtler Michael Purucker, im Sommer Bergführer, trägt immer einen Lawinensender in seiner Hosentasche. Damit kann er nicht nur Verschüttete orten, sondern selbst im schlimmsten Fall gerettet werden. „In den ersten 15 Minuten hat ein Verschütteter die größte Überlebenschance.“ Danach sinkt sie Sekunde für Sekunde, das Atemfenster ist leergeschnauft.

    Er zieht die signalrote Skiwachtjacke an und lässt seine Skischuhe zuklacken. Zeit für einen Kontrollgang. Ein paar Skifahrer kreuzen den Winterwanderweg, es ist viel los an diesem sonnigen Ferientag. Der Bergwachtler behält nicht nur die Leute im Auge, sondern auch die Steilhänge entlang der Pisten. Er gehört zur Lawinenkommission, die regelmäßig die Schneebeschaffenheit prüft.

    34 solcher Expertenteams gibt es in Bayern. Der Schneefachmann holt seine kobaltblaue Aluschaufel aus dem Rucksack, sticht sie in einen der steilsten, lawinenverdächtigsten Hänge. Er schaufelt einen Block frei, 40 auf 40 Zentimeter und einen Meter tief. So, wie er es bei einer offiziellen Kontrolle auch machen würde. Dieser „Rutschblock“ hilft bei der Analyse der Schneeschichten.

    „Die dünnen Schichten sind am gefährlichsten“

    Purucker kratzt mit den Fingern eine dünne, fast eisige Schicht etwa 20 Zentimeter unter der neuesten frei. „Diese dünnen, schwachen Schichten sind am gefährlichsten.“ Wenn sie brechen, gerät der Hang ins Rutschen. Nüchtern beschreibt Purucker seine Arbeit in der Lawinenkommission: „Wir gehen rauf, schauen uns den Hang an und schreiben einen Bericht.“ Der gehe nach München zur Lawinenwarnzentrale und an den Bürgermeister von Bolsterlang.

    Nur die Gemeinde entscheidet am Ende, ob ein Hang gesperrt wird. „Aber sie wird einen Teufel tun, unserer Empfehlung nicht zu folgen.“ Purucker lacht trocken. Er weiß, wie viel Verantwortung auf ihm und seinen Kollegen lastet. Beim Unglück in Südtirol herrschte Lawinenwarnstufe drei. Die signalisiert „erhebliche Gefahr“. Trotzdem hatten die Verantwortlichen die Piste selbst als sicher angesehen.

    Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen fünf Personen – wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Verursachung eines Lawinenunglücks. Wer sie sind, behalten die Bozener Ermittler bisher für sich. Es soll analysiert werden, ob der Skipistenbetreiber das Risiko falsch eingeschätzt hat oder ob ein Skifahrer abseits der Piste das Schneebrett auslöste.

    Der Klimwandel könnte das Lawinenrisiko beeinflussen

    Je mehr Wintersportler, desto mehr Lawinen und Lawinenopfer? Hans Konetschny von der Zentrale in München kann das zumindest für Bayern nicht bestätigen. Ja, in den Bergen seien immer mehr Menschen unterwegs. „Trotzdem registrieren wir nicht mehr Unfälle. Vielleicht passen die Leute besser auf oder befassen sich intensiver mit unserem täglichen Lagebericht.“

    Der Klimawandel aber könnte das Lawinenrisiko sehr wohl beeinflussen, warnt der Behördenchef. „Wenn sich in unseren Gefilden die Temperaturen langfristig leicht erhöhen und wenn dann noch im Winter stärkere Niederschläge fallen, kann auch die Lawinenaktivität steigen.“ Kritisch wird es vor allem, wenn alte Bäume in den Bergwäldern absterben und neue nicht schnell genug nachwachsen.

    Aufforstungen wie im Oberallgäu sollen schützen helfen

    All dem wollen die Bergregionen zuvorkommen. Im Oberallgäu forstet man seit rund zehn Jahren die Wälder auf. Schwerpunkt ist Balderschwang. Die 330 Bewohner der höchst gelegenen Gemeinde Deutschlands mussten die Zerstörungskraft vor einem Jahr erleben. Am Morgen des 14. Januar walzte ein Schneebrett einen Teil des Traditionshotels Hubertus in Trümmer. 20 000 Kubikmeter Schnee krachten in den Wellnessbereich, drangen in Zimmer ein, der Schaden ging in die Millionen. Heute läuft der Betrieb wieder – mit neuem Wellnessbereich und Schutzgestellen oben im Berg. Retter Michael Purucker war auch damals mittendrin. Er hat mit seinen Kollegen den Schnee abgesucht. Menschen fand er nicht, die Lawine hatte niemanden mit sich gerissen – ein Glück.

    Ein Jahr später ist das Funkgerät noch immer ruhig. Purucker schnallt sich die Carvingski an. Bevor er sich verabschiedet, nimmt er die Skifahrer selbst in die Pflicht. Denn mehr als jedes Lawinenrisiko gefährdet mancher Wintersportler sich selbst. Je besser das Material, desto riskanter werde gefahren. „Und manche fahren schneller, als es ihr Können erlaubt.“ Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann das Funkgerät wieder piepst.

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    Von Sarah Ritschel

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