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    Gastbeitrag: Sind wir alle Narren? – oder: Die Bedeutung der Rationalität

    Professor Matthias Müller-Reichartaus Würzburg
    Professor Matthias Müller-Reichartaus Würzburg Foto: W. Siebenbuerger

    Das menschliche Entscheidungsverhalten erweist sich als hochkomplex. Es ist von Erfahrungen der Vergangenheit, Einstellungen und moralisch-ethischen Einflüssen abhängig und somit letztendlich nur bedingt und selten rational. Entscheidungsprozesse durchlaufen in Nanosekunden unser Gehirn.

    Das menschliche Entscheidungsverhalten ist dermaßen komplex, dass sich unser Gehirn gerne auf eindringliche, unser Gefühl ansprechende Entscheidungsparameter zurückzieht. Die Konsequenzen dieser Entscheidungen zeigen sich dann in einem durch Ursachen bestimmten Verhalten. Stimuli lassen uns zu Narren werden – wenn wir hungrig in den Supermarkt gehen, kaufen wir zu viel Essen ein, im Sommerurlaub erstehen wir Mitbringsel, über die wir zu Hause den Kopf schütteln. Und ein FDP-Politiker, der das ihm angetragene Amt hätte ablehnen sollen, lässt sich spontan verblenden und sorgt somit für eine Götterdämmerung der deutschen Demokratie.

    Es ist ein ständiger Kampf

    Die eindringliche Beeinflussung unseres Entscheidungsverhaltens wird dabei in erster Linie von unserer Zugehörigkeit zu einer der vier möglichen, jeweils von Vorurteilen geprägten Gruppen bestimmt. Als „Fundamentalisten“ befinden wir uns in Fragen der Ökologie („Greta-Effekt“), der Religion oder der Politik im ständigen Kampf um unsere Wert-Grundsätze. Der Fundamentalist hat einen „Tunnelblick“ und lässt keine oder nur wenige andersartige Argumente gelten. Rationale Gegenargumente erreichen die hohe gefühlsbetonte Barriere des Fundamentalisten nur sehr schwer.

    So ist beispielsweise die CO2-Bilanz eines elektrisch angetriebenen Fahrzeugs erst nach vierzig- bis sechzigtausend Kilometern einem modernen Verbrennungsmotor überlegen – eine Strecke, für die die meisten deutschen Autofahrer fünf oder mehr Jahre benötigen. In diesen Jahren ist aber der CO2-Fußabdruck eines E-Autos negativ – eine Aussage, die so gar nicht zu „Fridays for Future“ passt. Höchstwahrscheinlich aber gehören wir eher zur größten Gruppe der „Betroffenheitsaktivisten“, die sich allem gegenüber neutral erweisen, bis eine Situation ihre Nahsphäre erreicht. So unterstützen wir die Energiewende und das Klimapaket, solange die Energiepreise nicht steigen oder kein Windrad in der Nähe aufgestellt wird.

    Eine Allensbach-Umfrage hat gezeigt, dass zwar 85 Prozent der deutschen Bevölkerung die Mehrwertsteuersenkung der Bahntickets und 60 Prozent eine Verteuerung der Flugreisen befürworten, aber nur 29 Prozent steigende Energiepreise akzeptieren würden. In der Gruppe der „Mainstream-Egoaktivisten“ entscheiden wir allein im Sinne unseres persönlichen Nutzens, ohne gemeinschaftliche, gesellschaftliche, nationale oder multinationale Aspekte zu berücksichtigen. Vielleicht sind unsere gefühlsbetonten Entscheidungen auch von unserer Zugehörigkeit zu den „Besitzindividualisten“ geprägt, die allein die ökonomische Vorteilhaftigkeit einer Entscheidung fokussieren. Was meinem Geldbeutel guttut, ist gut – darüber hinausgehende Aspekte werden marginalisiert.

    Insbesondere Industrienationen, die bereits ein hohes Wohlstandsniveau erreicht haben, argumentieren gerne als Besitzindividualisten. Die Konsequenzen dieser rein materialistischen Sicht sind die Entwicklung von Maßlosigkeit und Gier und eine daraus resultierende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich.

    In der Folge entwickelt sich sogar die ethisch verantwortungsvolle Gesellschaftsform der sozialen Marktwirtschaft zu einem Manchesterkapitalismus, dessen Resultat wir alle in der Finanzkrise 2009 zu spüren bekamen.

    Insbesondere in Deutschland sind letztlich auch zahlreiche Vertreter der „Bürokraten“ anzutreffen, deren Entscheidungsverhalten durch staatliche oder gesellschaftliche Normierungen geprägt ist. Solange wir uns in einer vorgegebenen Norm bewegen, ist jede unserer Entscheidungen legitimiert – ein derartiges „Obrigkeitsdenken“ gibt die Entscheidungsverantwortung gerne an andere ab. Indem aber Bürokraten ihre Entscheidung bereitwillig delegieren, werden sie zu einer amorphen Masse, die sich schnell von vermeintlichen „Führern“ verführen lässt. Wohin dies führen kann, wurde uns brutal durch die NSDAP-Diktatur verdeutlicht. Vor dem Hintergrund dieser leidvollen Erfahrungen sollte sich gerade Deutschland jeglicher Anwandlung rechts- oder linksextremistischer Entwicklungen erwehren.

    Die Beweggründe hinterfragen

    Bei wichtigen Entscheidungen sollten wir uns unseres einstellungsbedingten Empathie-Hintergrunds und unserer Zugehörigkeiten zu den genannten, von ihren jeweiligen Vorurteilen geprägten Gruppen bewusst sein. Dabei sollten unsere Entscheidungsmuster nicht denen einer künstlichen Intelligenz gleichen – gerade unsere Fähigkeit zur Empathie hebt uns moralisch darüber. Leider aber macht uns unsere Empathie angreifbar für irrationale Entscheidungen. Hinterfragen Sie deshalb stets ihre Beweggründe wichtiger Entscheidungen und lassen Sie sich weder von empathischen Spontanstimuli noch von übergroßem Selbstbewusstsein leiten – gute Entscheidungen müssen abgewogen be-, ge- und überdacht werden. Wie viel Unheil bliebe der Welt erspart, würden wir einer kritischen Rationalität mehr Raum im Leben geben.

    Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart ist Inhaber des Lehrstuhls für Risikomanagement an der Hochschule RheinMain, Studiendekan der Wiesbaden Business School und Einzelhändler in Würzburg. Er ist zudem Autor von über 140 Veröffentlichungen im Rahmen der Versicherungswirtschaft und des Risikomanagements und Berater nationaler und internationaler Versicherungsunternehmen.

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