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    Kommentar: Die Grünen haben von den Konservativen gelernt

    Eigentlich gehört zu den Grünen das Flügelschlagen dazu wie der Anti-Atomkraft-Aufkleber mit der strahlenden Sonne. Kein Parteitag ohne beinharte Kämpfe linksorthodoxer Fundis gegen gemäßigtere Realos. An der tiefen gegenseitigen Abneigung der Partei-Ikonen Joschka Fischer (Realo) und Jutta Ditfurth (Fundi) lässt sich ablesen, mit welcher Inbrunst sich die Parteiflügel einst beharkten.

    Doch das sind Geschichten aus der Vergangenheit. Die Grünen sind vor ihrem am Freitag beginnenden Parteitag geschlossen wie nie. Der Streit um die Wirksamkeit von homöopathischen Arzneimitteln wirkt wie eine Petitesse im Vergleich zu den früheren Konfliktthemen, als es um Krieg und Frieden ging. Die Wähler honorieren diese neue Eintracht mit starken Umfragewerten und – bis auf wenige Ausnahmen – mit starken Wahlergebnissen.

    Normalerweise laborieren linke Parteien viel stärker an sich selbst als es konservative tun. Linkspartei und SPD geben seit Jahren Anschauungsunterricht in dieser speziellen Kunst. Die Linke zerfällt in Marxisten und Realos, die SPD in Gegner und Befürworter der Hartz-Reformen von Altkanzler Gerhard Schröder. Die Grünen haben beide Konkurrenten mittlerweile meilenweit abgehängt.

    Die Unordnung der CDU spielt den Grünen in die Hände

    Begünstigt wird der Höhenflug einerseits durch den Klimawandel. Den Kampf gegen die Aufheizung der Erde, das Topthema der vergangenen und kommenden Jahre, verkörpert keine andere Partei glaubwürdiger als die Grünen. Andererseits spielt den Grünen die ungewohnte Unordnung der CDU in die Hände. Am Ende der Ära Merkel wollen die Anhänger der Kanzlerin den Kurs der Mitte halten, während Wertkonservative und Wirtschaftsflügel die Partei wieder in angestammtes Territorium zurückschieben wollen. Der Ausgang des Machtkampfes ist offen.

    Die Grünen haben also von den Konservativen gelernt, dass Einigkeit Trumpf ist. Selbst als der Ober-Realo Cem Özdemir kürzlich überraschend und vergeblich nach dem Fraktionsvorsitz griff, hat das den grünen Landfrieden nur kurz gestört. In Regierungsverantwortung würden die Grünen derzeit staatstragender agieren als die CDU. Dass die innerparteilichen Strömungen bei den Grünen ihre Differenzen bei wenig Hitze austragen, hat viel damit zu tun, dass Fundis und Spontis stark an Einfluss verloren haben. Gleichzeitig tickt die Gesellschaft längst grün. Die tonangebenden Schichten in den Großstädten denken grün-liberal.

    In den Städten denken viele längst linksliberal

    Die Wirtschaft, für die die Grünen früher ein rotes Tuch waren, stellt sich auf diesen Wandel ein. Der Parteitag soll ein Wirtschaftsprogramm verabschieden, das der Industrie den Weg in die klimafreundliche Produktion weist. Meinen die Unternehmen es ernst mit ihrem Bekenntnis zum Klimaschutz, können sie den Beschluss nicht ignorieren. Dass die einstigen Schreckgespenster im Denken der Chefetagen angekommen sind, zeigt deutlich, dass sie Teil des Establishments sind. Auch hier haben sie CDU, CSU und FDP Wasser abgegraben. Revoluzzertum passt nicht mehr dazu.

    Deshalb wird es auch keine Überraschungen bei der Wahl der Parteispitze geben. Robert Habeck und Annalena Baerbock sitzen unangefochten im Chefsessel. Spannend wird lediglich, wer von beiden am Wochenende das bessere Ergebnis bekommt. Sie wären allerdings von allen guten Geistern verlassen, würden sie sich jetzt die Kanzlerdebatte aufdrücken lassen. Frühe Kanzlerkandidaten verlieren schnell ihren Glanz und werden zerredet. Annegret Kramp-Karrenbauer kann ein Lied davon singen.

    Von Christian Grimm red.politik@mainpost.de

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