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    Kommentar Eine zerrissene Kirche sucht einen gemeinsamen Weg

    Das Erschrecken war groß, als die deutschen katholischen Bischöfe aus einer Studie das ganze Ausmaß des jahrzehntelangen Missbrauchs durch Priester erfuhren. Sie ahnten, dass die Kirche nach diesen Enthüllungen nicht so bleiben kann, wie sie war. Zu tief war das Vertrauen in die Lauterkeit des Klerus erschüttert. Aus dem Schock entstand die Idee, einen Synodalen Weg einzuschlagen, um einen Neuanfang zu eröffnen. Ab Advent sollte ein Prozess der offenen Aussprache unter Beteiligung der „Laien“ stattfinden.

    Genau daran stoßen sich Anhänger einer nach wie vor streng hierarchisch geführten Kirche. Aus ihrer Sicht haben ausschließlich die Bischöfe das Recht, über die Zukunft der Kirche zu entscheiden. Als Wortführer sprach der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki die Befürchtung aus, die Laien, abgesandt vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), könnten die Bischöfe überstimmen. Er malte das Schreckensgemälde aus, der Synodale Weg führe in eine deutsche Nationalkirche, die sich dem Zeitgeist beugt und katholisches Glaubensgut verrät.

    Man traut einander nicht mehr über den Weg

    Offen treten hier die Bruchlinien zutage, die schon einige Zeit den deutschen Katholizismus zerreißen. Man traut einander nicht mehr über den Weg, unterstellt den anderen ungute Absichten. Vor allem die konservativ-kritische Strömung – in der Bischofskonferenz die Minderheit – spielt oft über die Bande und sucht sich Verbündete in der römischen Kurie. Als dieser Tage wie bestellt ein Brandbrief des Präfekten der Bischofskongregation samt eines ablehnenden kirchenrechtlichen Gutachtens bei den Deutschen eintraf, fühlte sich die Woelki-Fraktion bestätigt, dass mit dem Synodalen Weg unmittelbar die Einheit der Kirche in Gefahr steht.

    Demontiert wird dadurch vor allem der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Er muss ein ums andere Mal beteuern, wie sehr auch ihm die Einheit am Herzen liegt und man sich selbstverständlich mit Rom ins Benehmen setzt. Unterschwellig erscheint auf diese Weise Marx als ertappter Bube, der eine Unschuldsmiene aufsetzt, um einigermaßen heil davonzukommen.

    Nur wenige seiner bischöflichen Mitbrüder trauen sich, den mehrheitlich beschlossenen Weg so unzweideutig zu verteidigen wie der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Als sich Bischöfe und ZdK am Wochenende zur Vorbereitung des Synodalen Wegs in Fulda trafen, stellte Bode die „Alleswisser und Besserwisser“ in seiner Predigt beherzt in den Senkel.

    Das Geistliche krankt derzeit noch viel mehr

    Natürlich muss man die Frage stellen, was der Synodale Weg der deutschen Katholiken realistischerweise überhaupt bewirken kann. Gut, man will über Zölibat, Rolle der Frau, Machtmissbrauch durch Priester und Sexualmoral in vier Foren beraten. Wahrscheinlich wird man auch Maßnahmen ins Auge fassen. Aber kommen am Ende nicht mehr als gut gemeinte Erklärungen heraus, die mit Verweis auf die nötige Einheit der Weltkirche in Rom schlicht ignoriert werden? Würde der Dialogprozess derart im Sande verlaufen, würde das den Frust in der Kirche nur vergrößern.

    Es reicht nicht, über Strukturen zu reden, als ließe sich die Krise organisatorisch beheben. Der Blick der Synodalen muss tiefer eindringen. Die Probleme der katholischen Kirche gründen in der Theologie: Die etwa das Weiheamt sakral derart überhöht, dass die Idee eines gemeinsam durch die Zeiten schreitenden Volkes Gottes stets eine Schlagseite erhält. Oder in einer umgekehrten, verengten Gender-Ideologie, die Frauen für ungeeignet für das priesterliche Wirken hält. Das Geistliche krankt im krisengeschüttelten Katholizismus derzeit noch viel mehr.

    Von Alois Knoller

    red.politik@mainpost.de

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