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    RIACE

    Mit Preisen überhäuft, wiedergewählt und bald vor Gericht

    Der Ort heißt Riace, liegt in Kalabrien an der Spitze des italienischen Stiefels. Traditionsreiches, vom organisierten Verbrechen beherrschtes Niemandsland. Domenico Lucano, der ehemalige Bürgermeister, erdachte ein System, das den verlassenen Ort wiederbelebte und Menschen, die auf der Suche nach einer neuen Heimat waren, ein neues Zuhause gab.

    Seit einem halben Jahr beschäftigen sich aber auch Gerichte mit dem Fall. Ab 11. Juni muss sich Lucano zusammen mit 26 anderen Angeklagten vor der italienischen Justiz verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Bürgermeister vor, über die Jahre hinweg ein illegales System der Integration aufgebaut zu haben. Von Beihilfe zur illegalen Einwanderung, Betrug, Amtsmissbrauch, ja gar der Bildung einer kriminellen Vereinigung ist die Rede.

    Riace ist nicht nur ein kleines Dorf mit 1600 Einwohnern, sondern der Ort, an dem zwei Weltanschauungen aufeinander prallen. Da ist zum einen Lucanos Versuch, aus dem ausgestorbenen Dorf einen lebendigen Ort der Solidarität zu machen. Seit 2008 nahm die Gemeinde bis zu 450 Asylbewerber gleichzeitig auf. Die Flüchtlinge wurden in den verlassenen Häusern untergebracht und lernten Töpferhandwerk, das Arbeiten am Webstuhl, kehrten die Straßen, verkauften Souvenirs und lernten Italienisch. Eine Kooperative bekam für diese Zwecke vom italienischen Staat 35 Euro pro Tag und Flüchtling, über das Jahr gesehen also eine Millionensumme. Wim Wenders drehte einen Film über Riace. Bürgermeister Lucano wurde gefeiert, mit internationalen Preisen überhäuft und zweimal wiedergewählt.

    Seit 2017 jedoch ermittelte die Staatsanwaltschaft. Nicht nur liefen alle Fäden beim Bürgermeister zusammen. Ein Ermittlungsrichter bestätigte „weitreichende und schwere Unregelmäßigkeiten“ sowie eine „zumindest fragwürdige Verwaltung der zur Flüchtlingsaufnahme bestimmten Gelder“. Das galt offenbar auch für die Müllentsorgung in Riace. Eine Kooperative setzte dafür Asylbewerber ein, die mit Eseln in den steilen Gassen die Mülltonnen leerten. Lucano steht im Verdacht, diesen Auftrag ohne wirksame Ausschreibung vergeben zu haben. Der 60-Jährige soll zudem Scheinehen arrangiert haben, um Migranten eine Aufenthaltserlaubnis zu beschaffen. Deshalb ist auch seine äthiopische Lebensgefährtin mitangeklagt. Außerdem müssen sich 25 städtische Angestellte und Mitglieder der Kooperativen verantworten. „Wenn die Gesetze blödsinnig sind, verstoße ich gegen sie“, so zitierten Zeitungen Lucano aus abgehörten Gesprächen. Das war der Stoff für die Sichtweise derjenigen, die in Riace ein staatlich subventioniertes Gutmenschentum erkannten.

    Tatsächlich hatte das System von Beginn an erkennbare, wenn auch nicht unbedingt strafbare Haken: Alle Fäden liefen beim Bürgermeister zusammen, das Kooperativensystem funktionierte alles andere als transparent. Die Flüchtlingshilfe war an staatliche Gelder gekoppelt. In den meisten Fällen mussten die Asylbewerber Riace bereits nach einem Jahr wieder verlassen. Wer langfristig von dem Mechanismus profitierte, waren weniger die Flüchtlinge, sondern vor allem Domenico Lucano und das Dorf Riace.

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