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    Notre-Dame und der veränderte Blick über die Seine

    FRANCE-FIRE-NOTRE DAME
    Die teilzerstörte Pariser Kathedrale Notre-Dame soll wieder aufgebaut werden. Frankreichs Präsident verspricht, dass das Nationaldenkmal in fünf Jahren schöner ist als zuvor – Fachleute sind da skeptisch. Foto: Thomas Samson, afp

    Kommt die Rede auf Notre-Dame, und das tut sie oft, steigen Laurence die Tränen in die Augen und es fehlen ihr die Worte. „Was soll ich sagen?“, fängt sie an. „Es ist traurig. Wirklich sehr traurig.“ Die Kathedrale sei für sie „wie ein Familienmitglied“ und es tue ihr im Herzen weh, sie nun seit dem Brand am Montagabend so angeschlagen, halb zerstört zu sehen. Seit 40 Jahren verbringt die Bouquinistin, wie die Händler mit ihren Verkaufsständen von Büchern, Postern, Postkarten und Souvenirs an den Ufern der Seine heißen, fast jeden Tag schräg gegenüber der Île de la Cité, auf der das mehr als 850 Jahre alte Monument steht, und verkauft ihre Ware. Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“ hat sie nicht im Angebot, es ist derzeit das am meisten gefragte Werk bei den Bouquinisten – wie auch im französischen Internet-Buchversand.

    20 Feuerwehrleute riskierten ihr Leben, um die Türme zu retten

    Schon ihr Vater, erzählt Laurence, übte diesen Beruf aus. Er lebt nun auf dem Land und habe am Telefon geweint, nachdem er die Bilder der brennenden Kathedrale sah. Auch die Pariserin selbst saß mit ihrem Sohn, ebenfalls ein Bouquinist, während des Unglücks fassungslos vor dem Fernseher. „Als ich Feierabend machte, war es nur eine kleine Rauchschwade und ich dachte mir noch nicht allzu viel dabei.“ Laurence zeigt ein Foto davon auf ihrem Handy. „Und dann wurden die Flammen immer heftiger! Wir fürchteten den kompletten Zusammenbruch.“

    Inzwischen ist bekannt, dass das beinahe passiert wäre. Dem Staatssekretär für Innere Sicherheit, Laurent Nunez, zufolge kam es beim Kampf um die Hauptstruktur auf 15 bis 30 Minuten an: „Etwa 20 Feuerwehrleute gingen unter Lebensgefahr in die Zwillingstürme, um den Brandherd von innen zu bekämpfen, was ermöglicht hat, das Gebäude zu retten.“ Am Mittwoch befanden sich laut Feuerwehr-Sprecher Gabriel Plus noch rund 60 Einsatzkräfte im Inneren der Kathedrale, um das Gerüst und potenzielle neue Brandherde zu überwachen sowie die Experten und Architekten zu begleiten, die den Zustand des Bauwerks und der darin befindlichen Schätze prüfen. Weiterhin sperrt die Polizei den Bereich um den Sakralbau ab, dem nun der Dachstuhl aus Holz sowie der charakteristische Spitzturm fehlen.

    Noch ist es für eine komplette Bilanz zu früh, doch man weiß, dass rund 100 Gemälde und Reliquien gerettet werden konnten und auch die berühmten Rosettenfenster standhielten. Als kleines Wunder gilt, dass der Hahn, der auf dem Spitzturm thronte, in den Trümmern gefunden wurde.

    Nun tummeln sich noch mehr Touristen als sonst am gegenüberliegenden Ufer und halten ihre Handy-Kameras auf die Kathedrale, die mit jährlich rund 13 Millionen Gästen das meistbesuchte Monument Europas war. „Dank Notre-Dame haben wir Arbeit, denn wir leben hauptsächlich von den Touristen“, sagt Fatma, Kellnerin im Restaurant „L‘Auberge Notre-Dame“, dessen Terrasse einen großzügigen Blick auf die Kathedrale erlaubt.

    „Seit Montagabend kommen sie auch weiterhin. Wir hoffen natürlich alle, dass sie schnell wieder neu errichtet wird.“ Das hat Präsident Emmanuel Macron bei einer kurzen Ansprache am Dienstagabend angekündigt. „Wir werden die Kathedrale Notre-Dame noch schöner aufbauen und ich möchte, dass es bis in fünf Jahren vollendet ist“, versprach er und überging damit all die Experten, die von mehreren Jahrzehnten sprachen, da es sich um eine komplizierte Baustelle handle.

    Gesetzesprojekt soll Spenden einen legalen Rahmen verleihen

    Auch erscheint unklar, ob es sich um einen originalgetreuen Wiederaufbau handeln soll oder ob „modernere“ Elemente mit eingearbeitet werden. Die Handwerksorganisation „Compagnons du devoir“ warnte bereits, der große Bedarf an Steinmetzen, Dachdeckern und Zimmerern könne schwer gedeckt werden. Doch in fünf Jahren, im Sommer 2024, richtet die französische Hauptstadt die Olympischen Spiele aus und Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die bei den Kommunalwahlen in einem Jahr wiedergewählt werden möchte, hat ebenfalls diesen Termin als Ziel genannt, um die Kathedrale wieder zugänglich zu machen: „Das darf nicht zehn, 15, 20 Jahre dauern.“

    Premierminister Édouard Philippe kündigte an, einen internationalen Architektenwettbewerb zum Wiederaufbau des Spitzturms zu organisieren und bereits nächste Woche ein Gesetzesprojekt vorzustellen, das den Spenden einen legalen Rahmen verleihe. Privatspender, die bis zu 1000 Euro geben, dürften demnach 75 statt 66 Prozent von der Steuer absetzen. Innerhalb von nur zwei Tagen war in verschiedene Spenden-Fonds bereits fast eine Milliarde Euro eingegangen. Gestern um 18.50 Uhr läuteten zum Zeichen der Solidarität die Glocken aller französischen Kathedralen. Um diese Zeit war am Montag der Brand entdeckt worden.

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