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    Papst Franziskus hat Missbrauchstätern den Kampf angesagt.

    Enthüllungsjournalist Emiliano Fittipaldi
    Das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche lässt den Journalisten Emiliano Fittipaldi nicht los. Foto: Stefania Fumo, dpa

    Kein Papst ist mit Missbrauchstätern in der katholischen Kirche so hart ins Gericht gegangen wie Franziskus. Seine verbalen Verurteilungen der Täter sind zahlreich und gnadenlos. Franziskus nannte die Pädophilie im katholischen Klerus eine „Monstrosität“. Er verglich Missbrauch mit einer „schwarzen Messe“. Bischöfe, die sexuellen Missbrauch durch Priester verheimlichen, sollten zurücktreten, forderte der Papst. Franziskus richtete eine Kommission ein, die den Kinderschutz in der Kirche fördern soll. Und er kündigte ein Tribunal an, in dem Bischöfe für Vertuschung zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Es klang wie eine Revolution.

    Und tatsächlich hat es Fortschritte gegeben. Ein echtes Vatikangericht für Bischöfe wurde zwar nicht geschaffen. Aber seit September vergangenen Jahres gibt es zumindest eine rechtliche Handhabe gegen Bischöfe, die ihre Sorgfaltspflicht verletzen. Die Entscheidungen darüber fällen Kardinäle und letztendlich der Papst hinter verschlossenen Türen. Entlassungen infolge des neuen Gesetzes sind seither nicht bekannt geworden. Im Gegenteil. Der italienische Enthüllungsjournalist Emiliano Fittipaldi weist in seinem neuen Buch „Lussuria“ (Unzucht) darauf hin, dass die katholische Kirche weiterhin ein Glaubwürdigkeitsproblem hat.

    Immer noch schützen viele Bischöfe lieber die Täter, statt zur Aufklärung beizutragen

    Zahlreiche Prälaten, die eng mit dem Papst zusammenarbeiten, haben in der Vergangenheit mit zumindest moralisch zweifelhaftem Verhalten auf sich aufmerksam gemacht. Der eklatanteste Fall ist der des australischen Kardinals George Pell, dem Franziskus die Neuordnung der Vatikanfinanzen anvertraute. Pell fiel in Australien seit den 90er Jahren durch erbarmungsloses Auftreten gegenüber Betroffenen auf, nachsichtig zeigte er sich hingegen mit des Missbrauchs überführten Priestern. Ein Missbrauchsopfer wirft Pell vor, ihm Schweigegeld angeboten zu haben. Mehrere Betroffene klagen Pell sogar persönlich wegen sexuellen Missbrauchs an, die Vorwürfe sind nicht bestätigt. Der Kardinal hat mit 75 Jahren bereits die Pensionsgrenze für Behördenchefs im Vatikan erreicht, aber der Papst hält weiter an ihm fest. In einem Statement wies der Kardinal die Anschuldigungen als „Angriffe“ auf seine Reformversuche als vatikanischer Finanzminister zurück.

    Pell ist nicht der Einzige aus der obersten Machtetage im Vatikan. Da wäre etwa Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga, der als Bischof in Honduras zwischen 2002 und 2003 eine Zeit lang einen von Interpol wegen Kindesmissbrauch gesuchten Priester unterbrachte. Maradiaga ist einer der engsten Vertrauten des Papstes, in einem Interview vor Jahren behauptete der Koordinator des Kardinalsrates, er würde eher ins Gefängnis gehen, als einen seiner Priester zu verraten. Eines der größten Probleme in der Kirche besteht offenbar weiter: Immer noch schützen viele Bischöfe lieber die Täter, als zur Aufklärung schwerer Straftaten beizutragen.

    In einigen Fällen griff der Papst in der Vergangenheit persönlich durch. Wenn es um von ihm geschätzte Mitarbeiter geht, legt Franziskus andere Maßstäbe an. Er toleriert bislang die Verschleppungen durch den chilenischen Kardinal Francisco Javier Errazuriz im Fall des Serientäters Fernando Karadima. Auch Errazuriz ist Mitglied im neunköpfigen Kardinalsrat des Papstes und seit Jahren sein enger Vertrauter. Dem französischen und von ihm geschätzten Kardinal Philippe Barbarin sieht er bis heute dessen Tatenlosigkeit gegenüber einem des Missbrauchs überführten Priester nach.

    Kardinal Godfried Danneels berief Franziskus höchstpersönlich zu den Synoden 2014 und 2015, obwohl dem Belgier in Missbrauchsfällen die Interessen der Täter und das Ansehen der Kirche wichtiger schienen als echte Aufklärung. Daneels bat einen Betroffenen etwa, mit seiner Anklage so lange zu warten, bis der Missbrauchstäter, ein Bischof, in Pension gegangen sei.

    Von einem Rückgang der Missbrauchsfälle kann nicht die Rede sein

    „Das Buch wimmelt von Fehlern, Ungenauigkeiten und Vermutungen“, kritisierte der Jesuitenpater Hans Zollner, Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission. Viele der Vorwürfe seien nicht neu. Doch immer noch ist die Liste der einflussreichen Vertuscher lang und wirft vor allem eine Frage auf: Will Franziskus wirklich ein neues Kapitel bei der Bekämpfung des Missbrauchs in der katholischen Kirche aufschlagen, oder handelt es sich vor allem um Lippenbekenntnisse?

    Von einem Rückgang der Missbrauchsfälle in der Kirche kann offenbar nicht die Rede sein. 1200 Anzeigen sind laut Fittipaldi in den ersten drei Amtsjahren von Franziskus bei der römischen Glaubenskongregation eingegangen. Das seien doppelt so viele wie in den Jahren zwischen 2005 und 2009 unter Benedikt XVI.„Dieser Trend zeigt, dass das Krebsgeschwür keineswegs entfernt worden ist“, schreibt Fittipaldi.

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