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    LONDON

    Proteste bei Trumps Besuch in Großbritannien erwartet

    Dieser Ballon in Form eines Trump-Babys soll die erwarteten Proteste in London begleiten. Foto: Isabel INFANTES, afp

    Auch wenn sich Donald Trump und Theresa May am Freitagmittag für ihre bilateralen Gespräche auf dem ehrwürdigen Landsitz der Premierministerin in Chequers verschanzen, schwebt der Geist des US-Präsidenten in gewisser Weise auch über London. Ein sechs Meter großer Ballon in Form eines Trump-Babys mit blonder Haartolle, Handy in der Hand und Ärger im orangefarbenen Gesicht soll die massiven Proteste, die in der Hauptstadt erwartet werden, aus der Luft begleiten.

    Am heutigen Donnerstag landet der US-Republikaner auf der Insel – nicht zur vollen Staatsvisite, wie sie ursprünglich geplant war. Vielmehr soll es sich nun um einen mehrtägigen „Arbeitsbesuch“ handeln mit anschließendem Wochenendtrip auf den Trumpschen Golfplatz in Schottland. Immerhin reicht es für den Präsidenten inklusive Ehefrau Melania nach den politischen Gesprächen noch zu einem Nachmittagstee mit Königin Elizabeth II. auf Schloss Windsor – ohne Pomp und Gloria, ohne Kutschfahrt und roten Teppich.

    Dass der Prunk fehlt, dürfte den Liebhaber vergoldeter Aufzüge zwar stören. Aber offenbar herrscht sowohl im Weißen Haus als auch in Downing Street zu große Angst, dass der Besuch nicht jene Jubelbilder produziert, die Trump von vergangenen Visiten mit nach Hause nehmen konnte. Fast zwei Millionen Briten hatten sich schon vor Monaten in einer Petition gegen den Besuch ausgesprochen, planen nun Massendemonstrationen im ganzen Land. Sie kritisieren unter anderem seine Migrations- und Außenpolitik, seinen Sexismus und Rassismus. Es ist bislang nicht überliefert, was der Präsident von dem aufblasbaren Trump-Baby hält. Doch im Königreich steigt die Nervosität, dass er seinen Unmut über die Proteste via Twitter ausdrücken könnte. Und damit die „special relationship“ erneut auf eine Probe stellen würde. Die Briten sind äußerst stolz auf ihre besondere Beziehung, die sie traditionell seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu den USA pflegen. So wurde es zunächst als Bravourstück gefeiert, dass Trump nach seiner Amtsübernahme May als ersten ausländischen Staatsgast empfangen hat. London ist angesichts des anstehenden Brexits auf ein schnell nach dem EU-Austritt abgeschlossenes bilaterales Handelsabkommen mit den USA angewiesen. Vor diesem Hintergrund darf auch Mays für viele voreilig ausgesprochene Einladung im Namen Ihrer Majestät zum Staatsbesuch verstanden werden. Seitdem aber ist viel passiert. Das Verhältnis hat merklich gelitten, nachdem Trump beispielsweise letzten November die islamfeindlichen Äußerungen einer rechtsextremen britischen Gruppe weiterverbreitet und danach die Premierministerin direkt und persönlich angegriffen hat.

    Auch diese Woche meldete sich der selbsternannte Brexit-Anhänger zu Wort und meinte, er könne sich ein Treffen mit seinem „Freund“ Boris Johnson vorstellen – ausgerechnet mit dem Ex-Außenminister, der am Montag aus Rebellion gegen Mays Brexit-Kurs zurückgetreten war. Sollte es soweit kommen, würde dies als heftiger Affront gegenüber der Regierungschefin gewertet werden.

    Nicht nur mit May hat er seine Schwierigkeiten. Auch mit Londons Bürgermeister Sadiq Khan liegt der Republikaner via Twitter regelmäßig im Clinch. Hinzu kommen die politischen Differenzen. Das Königreich setzt sich für den Freihandel und Globalisierung ein, Trump ist Protektionist.

    Trotzdem, die Briten brauchen Trump. Als er im vergangenen Jahr ein rasch nach dem EU-Austritt ausgehandeltes Abkommen in Aussicht gestellt hat, war die Erleichterung in Downing Street fast bis in die schottischen Highlands zu spüren. Auf das Wort des US-Präsidenten zu viel zu geben, ist aber riskant, das weiß May. Am Ende scheint ihm an Wohlstand und Sicherheit in Europa nicht viel gelegen zu sein. Umso heikler stellt sich nun für die Briten der Empfang des kontroversen Präsidenten dar.

    byl

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