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    Berlin

    Schicksalswochen der SPD

    So verfahren ist die Lage bei der SPD, dass die Genossen schon verzweifelt-blöde Witze machen. Einer davon: Doris Schröder-Köpf und Boris Pistorius bewerben sich als Kandidaten für das neuen Führungsduo an der Parteispitze. Die niedersächsische Landtagsabgeordnete und der niedersächsische Innenminister könnten damit sowohl privat als auch politisch das neue SPD-Traumpaar werden und die Sozialdemokraten aus dem Morast ziehen. Und Schröder-Köpf könne, so die Humoristen in der SPD, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und sich gleichzeitig noch an ihrem Ex-Mann und Ex-Parteivorsitzenden Gerhard Schröder rächen.

    Galgenhumor ist bei der SPD gerade angesagt. Wie soll man als Genossin oder Genosse derzeit auch anders auf die Lage der Partei reagieren? Die Vorsitzende Andrea Nahles hat sich vom Acker gemacht, auf EU-Ebene schmierte der sozialdemokratische Wunschkandidat Frans Timmermanns ab. Die Umfragewerte gehen in den Keller, und zwar dahin, wo die AfD wartet, nämlich bei 13 Prozent Zustimmung. Es gibt einige in der Partei, die einen weiteren Absturz in den einstelligen Bereich fürchten.

    In dieser Situation schickt sich das Duo Christina Kampmann und Michael Roth an, „mit Herz und Haltung“ die Führung des lecken Dampfers SPD zu übernehmen. Der marode Kahn wird gerade von den Hilfskapitänen Thorsten Schäfer-Gümbel, Manuela Schwesig, Malu Dreyer sowie einigen Seilschaften in den Hinterzimmern der Republik geführt und hat eine Überholung dringend nötig. Kampfmann und Roth enterten letzte Woche offiziell die große Bühne, noch ist um sie herum alles ein wenig improvisiert. So gibt eine Internetseite, die Adresse „kampmannroth.de“ leitet aber direkt auf die Homepage von Roth weiter.

    Am Marktwert des Duos wird noch zu arbeiten sein. Roth hat es als Staatsminister im Auswärtigen Amt zu einiger Bekanntheit gebracht. Nimmt man die Follower auf Twitter als Messlatte, dann ist der 48-Jährige (24.900 Anhänger) deutlich bekannter als die Bielefelder Landtagsabgeordnete Kampmann (7400).

    Immerhin gibt es bereits eine Reihe von Fotos. Eines zeigt das Polit-Paar, wie es auf einem Kinderspielplatz selig lächelnd der Parteiführung entgegenschaukelt. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, hier präsentiere sich nach Schröder-Köpf und Pistorius das nächste SPD-Traumduo. Den Bildern fehlt zum absoluten Glück nur noch, dass ein frisch geföhnter Grünen-Chef Robert Habeck von rechts in die Szene schwebt.

    Aber die Mühen der Ebene haben mit arrangierten Fotos so wenig zu tun wie die SPD mit dem Begriff Trendwende. Roth weiß um die Lücken in der Kandidatur mit Kampmann, die am Donnerstag 39 Jahre alt wird. Nach nur wenigen Tagen seit der Bekanntgabe „wollen und können wir noch nicht alles vorstellen, was wir gemeinsam mit der SPD und Interessierten diskutieren wollen“, erklärte er. Wenn man sich bewerbe, dann „stellt man sich erstmal vor“, schob Roth noch trotzig nach und reagierte damit auf Kritik von Mitgliedern, er und seine Co-Kandidatin hätten noch nicht ausreichend über ihre politischen Zielsetzungen informiert.

    Der Tempovorstoß in Sachen Kandidatur passt zu Roth, der immer sehr schnell unterwegs ist und ein Talent hat, seine Gesprächspartner schwindelig zu reden. Im Interview mit der Welt verteidigte er die Entscheidung, nicht länger zu warten. „Wir wollten nicht erst Chancen sondieren, Versuchsballons starten und Hintergrundgespräche führen. Nachdem wir für uns beschlossen hatten anzutreten, haben wir unsere Parteifreunde im Wahlkreis informiert, sind dann an die Öffentlichkeit gegangen und haben gesagt: Wir trauen uns das zu, wir haben Lust darauf, und wir wollen entschieden dem unwürdigen Eindruck der letzten Wochen entgegentreten, dass scheinbar niemand diese Aufgabe übernehmen will“, sagte er.

    Roths Nominierung durch den SPD-Bezirksvorstand Hessen-Nord soll in dieser Woche erfolgen. Die Abstimmung ist ebenso Formsache wie die Nominierung Kampmanns. Bis zum 1. September haben weitere Zweierteams aus Mann und Frau die Möglichkeit, sich um den Parteivorsitz zu bewerben und sich dann im Dezember auf einem Wahlparteitag zur Wahl zu stellen. Er würde sich freuen, wenn sich „noch einige Elefanten der Partei trauen zu kandidieren“, sagte Roth der Welt. Schröder-Köpf und Pistorius hat er damit vermutlich nicht gemeint.

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