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    BERLIN

    Wenn bessere Pflege Angst macht

    Pflege
    Bei höherer Zuzahlung könnten viele Senioren zum Sozialfall werden. Foto: Angelika Warmuth, dpa

    Es ist ein klassisches Dilemma: Die Bundesregierung will die krassen Missstände in der Pflege lindern und könnte damit die Lage der Senioren gleichzeitig verschlechtern. Der Grund dafür ist mangelndes Geld im System. Werden mehr Pflegerinnen und Pfleger eingestellt, die auch noch mehr verdienen, müssten parallel dazu die Zuzahlungen aus der eigenen Tasche steigen. Viele Senioren könnte das finanziell überlasten.

    Ein Bündnis aus Diakonie, Arbeiterwohlfahrt und der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di verlangt von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), das Dilemma schnellstens aufzulösen. „Die Eigenanteile müssen jetzt eingefroren werden“, forderte Maria Loheide aus dem Vorstand der Diakonie. Im zweiten Schritt soll Spahn die Pflegeversicherung nach den Vorstellungen der drei Sozialverbände zu einer Vollversicherung umbauen.

    Enormer Anstieg

    Das Thema drängt. Neue Zahlen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigen einen enormen Anstieg der Eigenanteile, die Senioren im Heim für die eigentliche Pflege aufbringen müssen. Die Zuzahlung kletterte in Bayern zwischen 2018 und 2019 im Schnitt von 733 Euro pro Monat auf 864 Euro. Das entspricht einem Zuwachs von 18 Prozent. In Baden-Württemberg stieg der Eigenanteil um 15 Prozent – von 829 Euro im Monat auf 953 Euro. Hinzu kommen für Heimbewohner außerdem noch Kosten für Unterkunft, Verpflegung und für Investitionen in den Einrichtungen. Im Bundesmittel summieren sich die Zahlungen aus eigener Tasche auf 1900 Euro monatlich.

    Vollversicherung hieße aber auch, dass der Pflegebeitrag der Beitragszahler angehoben werden müsste. Aktuell beträgt er 3,05 Prozent des Bruttolohnes, der zur Hälfte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern getragen wird. Kinderlose ab 23 Jahre berappen noch einen Zuschlag von 0,25 Prozentpunkten. Diakonie, ver.di und AWO wollten nicht beziffern, wie stark der Beitrag zulegen müsste. Sie verweisen auf Berechnungen des Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang von der Universität Bremen. Demnach bräuchte es für die Vollversicherung bei dem aktuellen Personal und Lohnniveau einen halben Beitragspunkt mehr.

    Beitragsplus nicht ausreichend

    Kommt aber die von der Bundesregierung versprochene und dringend benötigte Aufstockung des Personals und seiner Bezahlung, reichte das Beitragsplus nicht aus. Derzeit lässt die Bundesregierung eine Studie erstellen, wie viel Pflegerinnen und Pfleger es für eine wirksame Bekämpfung der Personalnot braucht. Die Ergebnisse des Gutachtens sind noch unveröffentlicht. Laut ver.di empfehlen die Experten aber, dass es 200 000 Stellen mehr bedarf. Dadurch würde aber der Eigenanteil nochmals zwischen 400 und 500 Euro pro Monat nach oben schnellen.

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