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    BERLIN

    Wie Robert Habeck die Grünen umkrempelte

    Grünen-Spitze vor Bundesparteitag
    Ein Politiker, der bei vielen Menschen gut ankommt. Robert Habeck treibt die Umfragewerte seiner Partei in ungeahnte Höhen. Sogar über eine mögliche Kanzlerkandidatur des Norddeutschen wird spekuliert. Foto: Hendrik Schmidt, dpa

    Als Jan im unheimlichen Wald dem furchterregenden Wolf begegnet, wird ihm schlecht vor Panik. Er schreit so laut er kann, wirft seinen Rucksack auf das Tier und rennt davon. Der Schüler Jan ist Held des Kinderbuchs „Ruf der Wölfe“, das Robert Habeck zusammen mit seiner Frau Andrea Paluch veröffentlicht hat, so ganz nebenbei. Dass Habeck auch als Grünen-Chef nicht auf die Schriftstellerei verzichten will, tut seiner Beliebtheit keinen Abbruch. Im Gegenteil. Sein Erfolg und der seiner Partei in fast allen Umfragen der vergangenen Wochen wirkt schon fast unheimlich.

    Vor allem für die politischen Mitbewerber, allen voran die SPD. Für Habeck und die Grünen erscheint der Weg zur Macht im Moment nur noch als Frage der Zeit. Wenn die Große Koalition fällt, könnte es zu einem neuen Anlauf für ein Jamaika-Bündnis von Union, FDP und Grünen kommen. Bei Neuwahlen könnte es sogar für Schwarz-Grün reichen. Selbst ein Bundeskanzler namens Habeck scheint nicht mehr ausgeschlossen. Und der Höhenflug, da sind sich die Beobachter einig, geht zu einem Großteil auf das Konto von Robert Habeck.

    Nicht einmal seine Aussage, dass er sich Enteignungen zur Bekämpfung der Wohnungsnot unter Umständen vorstellen kann, hat Habeck geschadet. So kann sich jeder fünfte Deutsche nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa Habeck als Bundeskanzler vorstellen. Allzu viel fehlt da gar nicht mehr zum Wert von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, die 28 Prozent der Befragten für kanzlerfähig halten, und Vizekanzler Olaf Scholz von der SPD (24 Prozent). Käme es zu einer Kanzlerdirektwahl, läge Habeck gleichauf mit Scholz bei 25 Prozent Zustimmung, Kramp-Karrenbauer hätte auf beide nur magere drei Prozentpunkte Vorsprung. Weil auch die Grünen als Partei derzeit in der Wählergunst glänzend dastehen und regelmäßig auf Platz zwei hinter der Union landen, ist für Forsa-Chef Manfred Güllner „ein Grüner im mächtigsten Amt der Republik nicht mehr unvorstellbar“. Halte der Höhenflug an, „dürften die Grünen gezwungen sein, einen Kanzlerkandidaten aufzustellen“.

    Dass dieser grüne Kanzlerkandidat Robert Habeck heißen würde, daran gibt es im Moment keinen Zweifel. Der 49-Jährige hat in nur 15 Monaten im Amt die Machtverhältnisse in seiner Partei völlig umgekrempelt. Jahrelang spielte die Musik fast ausschließlich in der Bundestagsfraktion. Unter Habeck und seiner Co-Parteivorsitzenden Annalena Baerbock hat sich das geändert. Heute herrscht eine klare Arbeitsteilung. Die Fraktion, die kleinste im Bundestag, ist für das politische Tagesgeschäft zuständig, öffentlich wahrnehmbar ist vor allem Fraktionschef Toni Hofreiter, während es um die zweite Fraktionsspitze, Katrin Göring-Eckardt, zuletzt stiller geworden ist.

    Respekt der politischen Konkurrenz gewonnen

    Um die Zukunftsfragen, um die Weiterentwicklung des Parteiprogramms, die strategische Ausrichtung der Partei und die Gewinnung neuer Wählerschichten kümmern sich dagegen Annalena Baerbock und Robert Habeck. Und innerhalb des Duos ist Habeck zuständig für das große Ganze, für das Zusammenleben der Gesellschaft. Es ist wie in Habecks Kinderbuch, in dem es nicht nur um die aktuelle Frage des Zusammenlebens zwischen Mensch und Wolf geht. Sondern auch um Klimawandel als Fluchtursache, die Auswüchse der Massentierhaltung, Ängste in der Gesellschaft und „Fake News“ in den Medien. Habeck, Apothekersohn aus Lübeck, Schriftsteller, Doktor der Philosophie und politischer Quereinsteiger, hat keine Berührungsängste.

    Die Haushaltspolitikerin Ekin Deligöz, die seit mehr als 20 Jahren für die Grünen im Bundestag sitzt, sagt: „Robert Habeck hat in unserer Partei viele Denkblockaden aufgebrochen.“ Die Grünen würden deshalb nicht mehr als Verbotspartei wahrgenommen. Habeck verstehe es, Debatten anzustoßen, sagt Deligöz. Habeck, das sagen viele bei den Grünen, „spricht die Menschen an“.

    In seiner Zeit als schleswig-holsteinischer Landwirtschaftsminister von 2012 bis 2018 hat er das Vertrauen von kantigen Küstenfischern und Landwirten gewonnen, die dem Grünen zunächst mit größter Skepsis gegenüberstanden. Habeck, so heißt es, hat den Leuten erst einmal zugehört. Nicht nur den Respekt vieler Menschen im rauen Norden hat Habeck gewonnen, auch den der politischen Konkurrenz.

    Wolfgang Kubicki etwa, der FDP-Vize, sagt: „Ich kenne Robert Habeck aus unserer gemeinsamen schleswig-holsteinischen Zeit gut und lange und schätze seinen Pragmatismus.“ Dabei blickt gerade die stagnierende FDP mit Neid auf den anhaltenden Erfolg der Grünen. Parteichef Christian Lindner hat Habeck in letzter Zeit immer wieder scharf attackiert, etwa wegen dessen Forderung, Hartz-IV-Sanktionen abzuschaffen.

    Die Balance zwischen den verschiedenen Flügeln halten

    Nur in der Enteignungsfrage hat selbst Kubicki kein Verständnis mehr für seinen Habeck: „Da hat er sich vermutlich zu sehr von den Linken in seiner Partei treiben lassen. Er weiß genau, dass eine Enteignung von bestehendem Wohnraum keinen neuen Wohnraum schafft. Und er weiß auch, dass vor allem die Grünen vor Ort die Schaffung von neuem Wohnraum verhindern – so zum Beispiel in Berlin.“

    In der Partei heißt es dagegen, dass Habeck genau dies erstaunlich gut gelinge, die Balance zu halten, zwischen den verschiedenen Flügeln der Partei, zwischen Fraktion und Vorstand, zwischen Stammwählern und neuen Sympathisanten. Deligöz etwa sagt, der alte Konflikt zwischen „Realos“ und „Fundis“ sei zwar noch da, aber nicht mehr so dominant wie früher. Habeck habe „bei den Grünen die Fenster geöffnet“.

    Für eine Kanzlerdiskussion, sagt Deligöz, sei es aber viel zu früh. Und bemüht einen alten Satz von Winfried Kretschmann, dem grünen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs: „Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn der gerade fliegt.“ Nur vor einem fürchten sich die Grünen wie Habecks Romanheld Jan vor dem Wolf im Wald: Dass auf gute Umfragewerte mal wieder ein mäßiges Wahlergebnis folgt.

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