• aktualisiert:

    KARLSRUHE

    Wie Sandra S. eine Welle gegen den Minister auslöste

    Er findet, dass man von Hartz IV ordentlich leben kann. Sandra S. findet das nicht. Jetzt will sich Gesundheitsminister ... Foto: Christophe Gateau. dpa

    Es ist am vergangenen Samstag, als Sandra S. zum ersten Mal spürt, welche Macht ihre Stimme haben kann. Die Stimme einer 40-jährigen alleinstehenden Frau und Mutter eines zehnjährigen Sohnes, die nicht auf der faulen Haut lag im Leben und dennoch immer aufs Geld schauen musste. Vor kurzem verlor die gelernte Bürokauffrau und Inkasso-Fachkraft ihren letzten Job, sucht derzeit einen neuen und bezieht seit vier Wochen staatliche Unterstützung, Hartz IV.

    Sie bekommt vom Amt 950 Euro im Monat plus Kindergeld, davon zahlt sie 470 Euro Miete plus Strom, Gas, Telefon, Versicherungen und alles andere. Es bleiben für Einkäufe und den Alltag für sich und den Sohn mal 350 Euro im Monat – etwa zehn Euro am Tag. Weil sie wegen ihres Sohnes in Teilzeit oder mit flexiblen Arbeitszeiten arbeiten möchte, fällt sie bei manchen Arbeitgebern von vornherein durch. Dazu kommen Gesundheitsprobleme, eine nicht durchgängige Erwerbsbiografie mit vielen Zeitverträgen, kurzer Selbstständigkeit mit Aufstocken durchs Amt. „Aus der Schleife kam ich irgendwann nicht mehr heraus, auch ein Stigma auf dem Arbeitsmarkt“, sagt sie.

    Abgestempelt als „Sozialschmarotzer“

    Ein Schicksal, das die 40-Jährige mit vielen Menschen teilt. Von dem gesellschaftlichen Stigma, als „Sozialschmarotzer“ abgestempelt zu werden, von der Scham und davon, was es mit einem macht, gesagt zu bekommen: „Du siehst gar nicht aus wie ein Hartz-IV-Empfänger“, will sie gar nicht reden. Und auch nicht von ihren Erfahrungen als Bittstellerin auf den Ämtern. „Eigeninitiative“, sagt sie nur, „wird nicht belohnt, sondern bestraft“.

    Sandra S. macht sich viele Gedanken über die soziale Schieflage in der Gesellschaft, engagiert sich in der Partei „Demokratie in Bewegung“ und hat schon viele Politiker reden hören über Arbeitslosigkeit, Hartz-IV-Bezieher und eine Lebenssituation wie die ihre. Dass die Mandatsträger wissen, worüber sie da überhaupt reden und urteilen, daran hat Sandra S. schon lange so ihre Zweifel. Mit ihr hat schon gar keiner je geredet. Bis zum vergangenen Samstag. Da klingelt das Telefon in ihrer kleinen Wohnung in der Karlsruher Weststadt, und der frisch vereidigte Bundesgesundheitsminister will sie sprechen. Jens Spahn, Politiker, Zukunftshoffnung der CDU-Konservativen, 37 Jahre alt, Grundgehalt als Bundesminister: 15 311 Euro monatlich. Spahn ist der, der vor kurzem einen Proteststurm entfachte, als er sagte: „Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist die Antwort der Solidargemeinschaft auf Armut.“

    Darauf antwortete Sandra S. ihm prompt: mit einer Petition auf dem Kampagnen-Portal change.org, in dem sie Spahn auffordert, einen Monat lang vom Hartz-IV-Grundregelsatz zu leben. Über das Portal verbreitet sich die Petition rasend schnell im Netz, Zehntausende Unterstützer unterschreiben, die Welle rollt. Die Medien werden aufmerksam und berichten, das Büro von Jens Spahn wird mit Mails geflutet. Plötzlich hat Sandra S. eine Stimme, die gehört wird, und Spahn steht unter Handlungsdruck. Dann ruft er bei ihr an.

    Persönliches Treffen im April geplant

    „Es war ein gutes, respektvolles Gespräch“, sagt Sandra S., die in der ersten Sekunde noch daran zweifelt, ob da wirklich Jens Spahn am anderen Ende zu hören ist. „Aber das wurde dann schnell klar.“ Die Hartz-IV-Empfängerin und der Gesundheitsminister sprechen über die Petition und über seine Äußerungen. Sie vereinbaren, sich im April persönlich zu treffen, das Ministerbüro sucht einen Termin. „Auf jeden Fall werde ich ihm die Petition übergeben. Von meiner Forderung werde ich nicht abweichen, ich bleibe dran“, sagt sie auf die Frage, ob sie wirklich daran glaubt, dass Spahn sich auf das 416-Euro-Experiment einlässt. „Ich hoffe, dass er es tut.“

    Wichtig ist ihr aber, keine Neiddebatte zu entfachen, sondern das Thema soziale Gerechtigkeit, Armut und Stigmatisierung endlich breit in die öffentliche Diskussion zu bekommen. „Ich gönne ihm sein Gehalt. Aber ich möchte ihm sagen, dass es seine Wähler sind, über die er da so spricht, und dass er über deren Situation nachdenkt.“ Und ganz konkret wird sie dem Gesundheitsminister Vorschläge machen, wie er Dinge bewegen kann für die, die keine Stimme haben: etwa bei der Zuzahlungsbefreiung bei Medikamenten.

    Wie Spahn antwortet, werden viele Menschen verfolgen. Die Zahl der Menschen, die die Petition unterstützen, wird minütlich mehr.

    Von unserer Mitarbeiterin Ulrike Bäuerlein

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!