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    FLENSBURG

    Wie Simone Lange die SPD aus der Krise führen würde

    Simone Lange
    Simone Lange zählt zu den erfolgreichen Kommunalpolitikern der SPD. Foto: dpa

    Als Simone Lange gegen Andrea Nahles für den SPD-Vorsitz kandidierte, erhielt die Flensburger Bürgermeisterin überraschend viele Stimmen. Tritt die 42-Jährige wieder an? Wie will sie die Sozialdemokraten aus der Krise führen? Lange stammt aus dem thüringischen Rudolstadt. Nach ihrem Verwaltungsstudium in Kiel arbeitete sie als Kriminalhauptkommissarin in Flensburg. 2012 wurde die SPD-Stadträtin als Direktkandidatin in den schleswig-holsteinischen Landtag gewählt, 2016 gewann die bürgernahe Politikerin die Flensburger Oberbürgermeisterwahl im ersten Wahlgang mit 51 Prozent gegen den bisherigen OB Simon Faber (SSW).

    Frage: Frau Lange, Sie traten 2018 auf aussichtslosem Platz gegen Andrea Nahles um den SPD-Bundesparteivorsitz an und erhielten doch 28 Prozent der Stimmen. Wie sehen Sie den Zustand der SPD? Ist die Partei existenziell gefährdet?

    Simone Lange: Ja, es ist existenziell. Das ist keine neue Feststellung, wir haben nur leider mit der Europawahl den eindeutigen Beleg dafür bekommen. Die Situation der SPD ist mehr als kritisch. In so einem Zustand stecken aber auch viele Chancen: Die Notwendigkeit eines radikalen Kurswechsels wird jetzt umso deutlicher.

    Was muss hinter so einem Kurswechsel stecken?

    Lange: Zuallererst geht es um die Organisation der Partei. Wenn wir nach innen hin gesunden, werden wir nach außen hin wieder Boden gewinnen. Die SPD wird kaum noch als Partei wahrgenommen. Seit wir in der GroKo stecken, definieren wir uns über die Arbeit der Bundestagsfraktion. Die Definition, wie wir uns die Gesellschaft von morgen vorstellen, muss aus der Partei kommen und die roten Linien für die Regierungsarbeit auch. Wir müssen den Menschen glaubhaft zeigen, dass Parteien positive Orte sind, wo sie mitgestalten können. Viele Menschen hadern mit Parteien, und das trifft am Ende uns alle – auch die Sozialdemokratie.

    Welches Bild möchten Sie für die SPD zeichnen?

    Lange: Ich wünsche mir die Bereitschaft, dass wir das gesellschaftliche Leistungsprinzip weiterentwickeln. Es hat uns viel Wohlstand gebracht, aber jetzt sind wir in einer Phase, in der wir Wohlstand neu definieren müssen. Wir werden Wohlstand nicht mehr über Eigentum definieren, sondern über Möglichkeiten. Die Frage ist doch: Welchen Sinn macht es, mit Klimaanlagen gegen den Klimawandel zu kämpfen? Wir müssen dem Klimawandel endlich die richtigen Maßnahmen entgegensetzen, damit unser Überleben gesichert werden kann. Das ist übrigens kein grünes Thema, das ist längst Aufgabe der gesamten Politik. Die Sozialdemokratie muss dabei darauf achten, dass alle gleich behandelt werden und alle gleich teilhaben können. Der Klimawandel darf nicht auf Kosten der Schwächsten vollzogen werden. Ich möchte mit der Gemeinwohl-Ökonomie ein neues Thema ins Spiel bringen.

    Was verstehen Sie genau unter einer solchen Gemeinwohl-Ökonomie?

    Lange: Es geht darum, den Kapitalismus in seiner Reinform abzulösen. Wir müssen das Wohl der Gemeinschaft, der Menschheit und der Natur, an die Spitze unseres Wirtschaftens stellen. Politik muss dafür den Rahmen vorgeben. Gemeinwohl-Ökonomie fokussiert auf soziale und ökologische Wertschöpfung vor wirtschaftlichem Erfolg. Es geht nicht nur mehr darum, was man tut, sondern auch wie man es tut. Dazu müssen neue Mechanismen und neue Modelle gesetzlich verankert werden und bei der Besteuerung von Unternehmen berücksichtigt werden. Es muss Lust machen, solche Wirtschaftsmodelle einzusetzen.

    Spielt für Sie dabei auch der Klimaschutz eine Rolle?

    Lange: Natürlich. Wir müssen mehr darauf achten, ob ein Produkt nachhaltig hergestellt wurde, ob es aus der Region kommt und welchen Weg es nimmt. Die Herstellungswege sind wichtig für den Klimaschutz und für die funktionierende Nachhaltigkeit. Ein Beispiel: Ich fahre als Oberbürgermeisterin ein mit Wasserstoff betriebenes Auto, das komplett emissionsfrei ist. Da tropft nur noch Wasser ab. Null Prozent CO2, das ist eine super Sache. Aber wurde das Auto nachhaltig produziert? Das müssen wir in Zukunft garantieren.

    Sind Sie mit der Verteilung des Wohlstands einverstanden? Es gibt in Ihrer Partei Forderungen, die Reichen mehr zur Kasse zu bitten.

    Lange: Umverteilung spielt natürlich eine Rolle. In meiner Stadt zum Beispiel gibt es mehr als 20 Schulen. Diese Schulen modern zu halten, sie gut auszustatten, damit Lehrer, Eltern und Kinder glücklich sind, ist teuer und wir Kommunen sind leider stark überschuldet. Vor allem aufgrund der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich ist Umverteilung ein notwendiges Thema. Wo ist großes Vermögen und wie kann man es beteiligen? Es muss verständlich werden, dass es uns allen nutzt.

    Sprechen Sie sich also für einen dezidierten Linkskurs der SPD aus?

    Lange: Nicht rechts oder links – es muss logisch sein. Es kommt darauf an, in der Logik, was wir als Gesellschaft erleben, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich wünsche mir, dass wir begreifen, dass wir eine SPD sind. Die SPD muss im Ganzen gesehen werden. Am Ende steht ein Ziel: Die SPD muss wieder gewinnen.

    Wollen Sie eine SPD-Doppelspitze?

    Lange: Gewiss, ich wünsche mir seit längerer Zeit eine Doppelspitze.

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