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    Wie Zukunftsängsteanfällig machen für radikale Positionen

    Stephan Grünewald
    Stephan Grünewald ist Psycholge. Sein jüngstes Buch heißt „Wie tickt Deutschland?“. Foto: dpa

    Stephan Grünewald (58) ist Psychologe und Gründer des Rheingold-Instituts. Dort führt er gemeinsam mit Kollegen jedes Jahr tausende von Interviews zu Markt, Medien und Gesellschaft. Grünewald ist Autor mehrerer Bücher, sein aktuellstes heißt „Wie tickt Deutschland?“

    Frage: Am Montag hat die Berichterstattung über die Landtagswahl in Thüringen dominiert. Das Ergebnis: Die Parteien an den Rändern des politischen Spektrums sind die großen Sieger. Gleichzeitig wurd eine Studie bekannt, derzufolge die Deutschen sich wohlfühlen. Wie passt das zusammen?

    Stephan Grünewald: Das ist auf den ersten Blick in der Tat ein Widerspruch. Wir sind im Vergleich zu anderen Ländern ja nach wie vor so eine Art paradiesisches Auenland. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Wirtschaft war über Jahre sehr stabil. Das ist aber ein Klima, in dem der Veränderungswunsch nicht gedeiht, sondern eher die Angst.

    Welche Ängste sind das?

    Grünewald: Die zentrale Angst ist, dass es uns, wenn man die Gefahren am Horizont sieht, irgendwann schlechter geht. Also dass uns jenseits des Auenlands das Grauenland droht. Dieses Gefühl verstärkt Beharrungstendenzen. In Notsituationen wie nach 1945 sind die Menschen bereit, sich auf den Weg zu machen, zu neuen Ufern aufzubrechen. In Zeiten, wo es noch ganz gut geht, wachsen die Angstgespenster und das Gefühl, dass die Zukunft nur grauenhaft werden kann.

    Sie beschreiben in Ihrem Buch „Wie tickt Deutschland?“, dass viele Deutsche aufgewühlt sind. Nach den drei Wahlen im Osten Deutschlands: Entlädt sich diese Energie in eine gefährliche Richtung?

    Grünewald: Die Energien, die wir gerade spüren, speisen sich aus verschiedenen Quellen. Eine ist – wie gerade gesagt – die Angst vor einer ungewissen Zukunft. Damit einher geht die Sehnsucht, die Zeit anzuhalten oder in eine Ära zurückzukehren, in der es scheinbar noch besser war. Im Westen sind damit oft die Zeiten gemeint, in denen es noch die D-Mark gab. Im Osten geht es eher um das Gefühl, es sei nicht alles schlecht gewesen – der Staat hat sich gekümmert, es gab keine Sorge vor Arbeitslosigkeit. Vor allen Dingen haben die Menschen den Eindruck, dass sie damals in einer Welt lebten, die sie noch verstanden haben. Heute gibt es das Gefühl, den inneren Kompass verloren zu haben.

    Dieses Gefühl scheint ja immer mehr Gruppen und Schichten zu erfassen.

    Grünewald: Das ist so. Wir schieben es gerne auf die Abgehängten, die Ewiggestrigen, auf die AfD-Wähler. Aber das geht quer durch die Gesellschaft. Wir sind vor 30 Jahren in eine Phase der Entideologisierung und Entpolitisierung reingeraten. Das hat uns freier gemacht und aus den politischen Grabenkämpfen herausgeholt, aber diese politischen Standpunkte waren auch orientierungsgebend. Die innere Richtschnur dafür, was politisch richtig oder falsch ist, haben viele verloren. Das macht anfällig für politische Patentrezepte, die uns die AfD präsentiert: Grenzen zumachen, nur auf uns besinnen, um alle Probleme dieser Welt von uns fernzuhalten.

    Wollen viele AfD-Wähler ein anderes System?

    Grünewald: Nein. Es gibt zwar durchaus auch rechtsradikale Tendenzen. Doch AfD-Wähler kommen, wie unsere Analysen zeigen, auch aus dem gutbürgerlichen Lager. Das sieht man ja auch an den Wählerwanderungen hin zur AfD in Thüringen.

    Warum gelingt es der Union nicht, sich auf die AfD einzustellen?

    Grünewald: Die Union ist lange gut damit gefahren, rechte Positionen aufzugeben. Frau Merkel hat mit ihrer Art das Gefühl vermittelt, sie handele nicht aus persönlichen Interessen, sondern ist als „Mutti“ Merkel mit Leib und Seele für das Land da. Eine Frau, die uns Entscheidungen abnimmt und alternativlos durchregiert. Das war eine bequeme, aber auch infantile Position. Wir haben uns sozusagen freiwillig entmündigen lassen. Jetzt werden wir wach und merken, dass wir verwirrt und orientierungslos sind. Dieses Gefühl entlädt sich mitunter in Wut.

    Welche Rolle spielt heute noch die Flüchtlingskrise?

    Grünewald: Ich widerspreche da immer Horst Seehofer, der gesagt hat, das ist die Mutter aller Probleme. Doch viele Probleme sind schon lange da. Richtig ist aber, dass die Flüchtlingskrise diese Probleme zugespitzt hat. Das Befremden über das Fremde unserer Welt bekam mit den Flüchtlingen ein Gesicht. Die Verheißung kam auf, mit Obergrenzen oder Zäunen alles Fremde abwehren zu können.

    Die Bundesrepublik ist 70 Jahre alt geworden. Muss man sich nicht ernsthaft Sorgen machen, dass radikale Kräfte auf dem Weg sind, die Oberhand zu gewinnen?

    Grünewald: Wir sind in einer Zeit, in der viel aufbricht. Die entscheidende Frage ist, ob wir jetzt radikal wüten oder zivilisiert streiten wollen. Kommt so etwas wie ein Führerkult zurück, wo es eine klare Trennung in Gut und Böse gibt, wo nur das Heil des eigenen Stammes im Vordergrund steht? Wenn wir das nicht wollen, müssen wir uns darauf besinnen, dass das Erreichte jeden Tag wieder erkämpft werden muss. Das geht nicht auf Knopfdruck, da helfen keine Schuldzuweisungen. Wir müssen wieder lernen, erwachsen zu streiten. Im Streit können wir auch wieder ein Bild davon gewinnen wie die Welt funktioniert.

    Das Gespräch führte Simon Kaminski

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