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    Wie die Europagegner ticken

    Brexit: Mag die Krise auch hausgemacht sein, Exzentriker wie Boris Johnson wollen mit pathetischen Durchhalteparolen und viel Patriotismus das Volk optimistisch stimmen. Sie können sich auf eine Ablehnung Europas stützen, die Jahrzehnte alt ist.
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    Ein Votum für den Brexit: Den Hut zieren Anstecker, die die Trennung Großbritanniens von der EU fordern und Rückhalt für Premier Boris Johnson. Foto: Tolga Akmen, afp

    Die schrille Stimme überschlägt sich fast, als die Politikerin auf der Bühne dem Publikum entgegenschreit: „Himmel Herrgott, wenn wir uns von diesem Haufen regieren hätten lassen, dann hätten wir in Dünkirchen aufgegeben.“ Dieser Haufen, damit meint Ann Widdecombe die EU. Und mit Dünkirchen zückt die mittlerweile ins Europaparlament eingezogene Abgeordnete der EU-feindlichen Brexit-Partei die Trumpfkarte, die zuverlässig bei Hardlinern funktioniert: der Zweite Weltkrieg.

    Auch an jenem Wahlkampfabend vor einigen Wochen im beschaulichen Städtchen Peterborough im Osten Englands kommt es an, den Geist des Widerstands zu beschwören, den Heroismus der Briten, die sich Hitler und überhaupt dem Unrecht der Welt widersetzt haben, selbst als im französischen Dünkirchen tausende britische Truppen von der deutschen Wehrmacht eingekesselt waren. Damals, 1940, appellierte der Premier Winston Churchill an das Volk, bei der Rettung der Landsleute zu helfen. In einer beispiellosen Solidaritätsaktion setzte neben Kriegsschiffen eine Armada aus privaten Fischerbooten, Yachten und Segeljollen über den Ärmelkanal und evakuierte hunderttausende Soldaten.

    Der Ruf zum britischen Zusammenhalt und die Antwort der Nation in einem Moment der Krise gelten als eine der feinsten Stunden in der Geschichte des Königreichs. Nun ist wieder Krise, wenn auch hausgemacht, aber das wollen sie in bestimmten Kreisen nicht hören. Und Premierminister Boris Johnson ist nicht Churchill, obwohl er sich gerne so präsentiert und seine Anhänger bereits Vergleiche ziehen.

    Krise also, da ist in der Regel auch der Krieg nicht weit. Ob der Exzentriker Johnson etwa im Sinne seines Vorbilds Churchill mit pathetischen Durchhalteparolen, viel Patriotismus und Anspielungen auf die Zeit während des Zweiten Weltkriegs und der folgenden Jahre das Volk optimistisch zu stimmen versucht oder Brexit-Hardliner wie der Rechtspopulist Nigel Farage mit falscher Nostalgie von alten Zeiten schwärmen und gegen die EU wettern. Es hat sich im Vorfeld der Referendumskampagne verfangen – und es verfängt heute, wenn das Königreich darüber diskutiert, dass bei einem ungeregelten EU-Austritt Benzin, Lebensmittel und Medikamente knapp werden, Sozialkosten steigen oder Unternehmen in die Insolvenz rutschen könnten.

    Schuld sind stets andere – ob die EU oder die Brexit-Gegner, die angeblich das Land herunterreden und mit ihrem Pessimismus den Erfolg des Projekts gefährden. Will man Johnson glauben, wird die Zukunft außerhalb der Staatengemeinschaft allein durch die „Wir-schaffen-das“-Mentalität rosig. „Dass die Menschen statt auf rationale Argumente zu hören auf das Emotionale ansprechen, ist ein Abwehrmechanismus“, sagt Ian Robertson, emeritierter Psychologie-Professor am Trinity College Dublin. „Das Bild von der Rolle im Zweiten Weltkrieg zu bemühen, erlaubt es ihnen, ihre Sorgen zu unterdrücken und stattdessen diesem einfachen Narrativ zu folgen, nach dem man nur an einem Strang ziehen muss und so harte Zeiten durchsteht.“

    Etliche Briten betrachten sich plötzlich als Teil einer zusammengehörigen Bewegung, die – angeführt von der Regierung – im Chor „Packen wir es an“ ruft. Verschiedene Gründe sind dafür verantwortlich, warum 51,9 Prozent der Wähler 2016 für den Brexit gestimmt haben. Und unterschiedliche Motive sind es, warum sie 2019 trotz Horrorszenarien an ihrer Entscheidung festhalten.

    Die Ablehnung einer europäischen Identität sei einer der psychologischen Faktoren gewesen, sagt Robertson. Hinzu kommt, dass sich viele Briten fast 80 Jahre nach dem „Wunder von Dünkirchen“ abermals von den Europäern eingekesselt fühlen, dieses Mal politisch in Gestalt der Europäischen Union. Angestachelt und bestätigt von Volksverführern wie Farage fürchten sie durch die Staatengemeinschaft eine externe Bedrohung, in Form von Einwanderung oder in Brüssel ausgekochte Überregulierungen. Es war an einem Dienstag, als Simon Richards zum EU-Skeptiker wurde. Der Brite erinnert sich noch gut an jenen Abend, der seinen Feldzug gegen die Gemeinschaft einleiten sollte. Es war der 20. September 1988 und Margaret Thatcher erklärte dem Europakurs der Deutschen und Franzosen offiziell den Krieg. In ihrer unnachahmlich scharfen Art schimpfte die britische Regierungschefin, man habe auf der Insel den Staat nicht deshalb erfolgreich zurückgedrängt, „um ihn auf europäischer Ebene mit einem europäischen Superstaat wieder errichtet zu sehen“.

    Die Konservative legte mit der berühmten Ansprache im belgischen Brügge den Grundstein für das Drama, das seit Monaten im Königreich unter dem Titel Brexit läuft. Simon Richards möchte diese leidige Episode endlich beendet sehen. Seiner Ansicht nach ist die EU zutiefst undemokratisch. „Für die Briten ist Geschichte von Bedeutung und unsere Demokratie hat eine lange Tradition“, sagt der 61-Jährige. Da ist sie wieder, die Geschichte, der Stolz.

    Der im Handelsmarketing tätige Richards, der die Insel künftig liberaler und am liebsten zum Steuerparadies entwickelt sehen würde, setzt alle Hoffnung in Johnson. Wähler wie Richards würden es Johnson und Co. kaum verzeihen, sollte er die Scheidungsfrist noch einmal hinauszögern. Oder schlimmer noch: der EU klein beigeben. Raus also, im Notfall ohne Deal, wobei der Notfall für Richards, der als Vorsitzender der rechtsliberalen Freedom Association jahrelang und unermüdlich für den Austritt warb, der Wunschausgang bedeutet.

    Dass eine harte Grenze in der von einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg gebeutelten Region zwischen Nordirland und der Republik Irland droht, weil das Königreich aus Binnenmarkt und Zollunion austritt? „Hier wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht“, winkt der Brite ab, der ursprünglich aus Wales stammt und nun in Cheltenham im Südwesten Englands lebt. Die Briten hätten stets klar gemacht, dass sie keine Grenze wünschen. Es handele sich um einen bewussten Versuch der EU, die Dinge zu behindern. Jedenfalls: „Wir werden keine errichten.“ Fall gelöst? Für die Hardliner ja, weniger zuversichtlich reagieren dagegen die Menschen auf der irischen Insel, bei denen die Angst umgeht, dass wieder Unruhen aufflammen könnten, sollten Grenzbeamte künftig Waren und Personen kontrollieren.

    Dass bei einem ungeordneten Austritt zudem für das Königreich die Regeln der Welthandelsorganisation gelten und damit unter anderem automatisch Zölle eingeführt würden? Ebenfalls geschenkt. „Wir fangen von ganz von vorne an und können Abkommen mit Ländern auf der ganzen Welt schließen“, sagt Richards und seine Antworten auf die beunruhigenden Probleme klingen wie aus einem Brexit-Soundbite-Katalog, aus dem sich die Hardliner je nach Thema die passenden Erklärungen herauszusuchen scheinen.

    Nicht nur ein gerade erst öffentlich gewordenes internes Dokument der britischen Regierung gibt düstere Prognosen ab. Im Großteil der Wirtschaftswelt werden katastrophale Szenarien gemalt, sollte die Scheidung ohne Vertrag durchgehen. Es drohen hohe Zollbarrieren und Handelsverwerfungen, ein Absturz des Pfunds, eine höhere Inflation und kilometerlange Staus rund um die Häfen, etwa in Dover, zudem steigende Lebensmittel- und Treibstoffkosten bei gleichzeitig sinkenden Löhnen und zurückgehenden Investitionen. „Pure Angstmacherei“, tönt es dann nur von den Austrittsbefürwortern. Sie lachen solche Vorhersagen in der Regel weg. Auch Simon Richards winkt ab. „Wenn ein Produkt gut ist, werden es die Menschen kaufen.“ Er glaubt nicht, dass es den Menschen langfristig schlechter gehen werde. „Sobald wir aus der EU sind, werden wir prosperieren.“ Wenn Vertreter des Automobilsektors beinahe verzweifelt aus Sorge vor gravierenden Lieferschwierigkeiten ein Abkommen fordern, kommt bei Richards alles andere als Mitleid auf. „Es passt ihnen gut, alles auf den Brexit zu schieben.“ Dabei seien vor allem der Dieselskandal, das Überangebot und die schwächere globale Konjunktur für die „schwierige Lage“ verantwortlich.

    „Die Idee, dass das ,Projekt Angst? eine erfundene Sache ist, war ein wirkungsmächtiges Narrativ des Brexit-Lagers während der Referendumskampagne“, sagt Alan Wager, Politikwissenschaftler am Londoner King?s College. Mit dem Totschlagargument werden seit Jahren alle Negativmeldungen abgeschmettert, auch wenn es sich längst nicht mehr nur um Prognosen handelt. Im zweiten Quartal dieses Jahres ist die britische Wirtschaft bereits um 0,2 Prozent geschrumpft - das erste Mal seit Ende 2012.

    Zwar erkennen laut Wager manche Brexit-Wähler an, dass es kurzfristig zu einigen Störungen kommen könnte, aber den meisten Vorhersagen der Experten und Unternehmern glauben sie nicht. Denn die britische Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren als äußerst widerstandsfähig erwiesen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit, der Brexit außerdem noch nicht passiert. Die Unsicherheit hängt wie ein Damoklesschwert über der Insel.

    Unversöhnlich stehen sich nicht nur im Parlament, sondern auch im Volk die zwei Seiten gegenüber. „Vermutlich muss es erst zu einem ungeordneten Brexit kommen, bevor die Menschen die Konsequenzen glauben“, sagt Politologe Wager.

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