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    London

    Zielscheibe US-Botschafter

    Hinter den Mauern des ehrwürdigen Außenministeriums im Londoner Regierungsviertel herrscht Aufruhr. Privat schäumen die Beamten vor Wut, nachdem es am Wochenende für sie äußerst peinlich wurde. Medien hatten aus geheimen Memos des US-Botschafters Kim Darroch zitiert. Darin bezeichnet der Diplomat den US-Präsidenten als „unfähig“. Donald Trump strahle Unsicherheit aus und agiere ungeschickt, befand Darroch. Diese Worte waren natürlich nie für die Öffentlichkeit gedacht, die Enthüllung wirft einen Schatten auf die „besondere Beziehung“ zwischen London und Washington, auf die insbesondere die Briten stets mit großem Stolz pochen. Trump ließ die Kritik denn auch wie üblich keineswegs auf sich sitzen. Noch am Sonntag meldete er zu Wort. „Der Botschafter hat dem Vereinigten Königreich einen Bärendienst erwiesen“, sagte er und schob hinterher: „Wir sind keine großen Fans dieses Mannes.“ Die scheidende Premierministerin Theresa May sprach dem Mann in Washington derweil ihr „volles Vertrauen“ auch, auch wenn sie seine Einschätzung nicht teile. Wer aber könnte der Maulwurf sein könnte? Es dürfte kaum Zufall gewesen sein, dass die vertraulichen Details ausgerechnet in der Boulevardzeitung „Mail on Sunday“ erschienen waren, enthüllt von der Brexit-Cheerleaderin Isabel Oakeshott, die dem Rechtspopulisten Nigel Farage nahesteht.

    Während es aus der Downing Street hieß, dass es Darrochs Aufgabe sei, „eine ehrliche und ungeschminkte Einschätzung der Politik“ zu liefern, schrieb Farage, Vorsitzender der Brexit-Partei und Trump-Freund, im konservativ ausgerichteten „Telegraph“, der Diplomat sei „völlig ungeeignet, unser Mann in den USA zu bleiben“. Die Forderungen, ihn abzuziehen, stammen aus dem europafeindlichen Lager. Die Hardliner haben den Beamtenapparat schon länger als Feind auserkoren. Dieser, so der Vorwurf, wolle angeblich hinter den Kulissen den EU-Austritt torpedieren. Und der 65-jährige Kim Darroch, ehemaliger Berater der britischen Regierung zu EU-Angelegenheiten und von 2007 bis 2011 ständiger Vertreter des Königreichs in Brüssel, dient den Verschwörungstheoretikern nun als ideale Zielscheibe. Auch wenn der Mann, der seit 1976 im diplomatischen Dienst steht, ursprünglich Ende des Jahres in Pension gehen wollte, gab es Bestrebungen, die Entsendung bis nach den US-Präsidentschaftswahlen zu verlängern. Solche Pläne dürften sich nun erledigt haben – erst recht, wenn in Kürze voraussichtlich mit Boris Johnson ein neuer, äußerst EU-skeptischer Premierminister in die Downing Street einzieht.

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