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    KENMARE

    Paddeln zwischen Seehunden und Feen

    Paddeln vor Traumkulisse: Majestätisch thront das Schlosshotel Parknasilla ein paar Meter über der Kenmare Bay. Der ausgefransten Küste entlang leitet Noel die E-Kajak-Anfänger durch das nicht immer so ruhige Gewässer. Foto: Michael Bauer (3), Carmel Flynn

    Ist das schon das Meer? Oder noch der Kenmare River? Es hat, ach, Nebel in Irlands Südwesten. Und von oben grüßt ein Schauer den jungen Tag. Windig ist's. Auf alle Fälle, so denkt der küstenferne Süddeutsche im Allgemeinen und der Franke im Besonderen, sind das zu viele Wellen für dieses Bötchen. Das wackelt am Ufer munter hin und her – und lacht die in Ölzeug verpackten Gestalten an Land aus. Quatsch! Der Lacher gerade eben gehört natürlich Noël. Noël ist ein Ire wie aus dem Bilderbuch, spricht irgendetwas zwischen Irisch, Gälisch und Englisch. Keiner versteht ihn, alle wissen, was er meint: Es geht hinaus in die Kenmare Bay, mit einem E-Kajak. Bei spiegelglattem Wasser und strahlendem Sonnenschein – gibt's auf der Grünen Insel tatsächlich – wird das ein genüssliches Gleiten, heute wird es eher ein Abenteuer. Nur eines ist es in jedem Fall: ein Heidenspaß.

    Das elektrisch betriebene Kajak ist kein Hexenwerk. Zwei Pedale entscheiden über rechts und links, ein Hebelchen steuert das Tempo. Ein paar irisch-gälisch-englische Einweisungen später geht es los. Noël redet – mutmaßlich – von Seehunden und dirigiert sein Gefährt lässig nach links. Ein Teil der Gruppe navigiert derweil nach rechts, fuchtelt, flucht. Irgendwann sind dann alle beisammen und die Seehunde weg. Aber keine Angst: Während der eineinhalb Stunden auf dem mit jedem Meter an Wackeligkeit verlierenden E-Kajak cruist jeder mal an einem Grüppchen Robben vorbei, die, nicht sonderlich beeindruckt von den Menschen, auf den Felsen lümmeln.

    Ein Gefühl von Schweden und viktorianischer Vergangenheit

    Noëls Touren eignen sich wunderbar, den im Süden von der Halbinsel Beara, im Norden vom berühmten Ring of Kerry flankierten Kenmare River von der Seeseite aus zu erkunden. Immer wieder geht's in verborgene Buchten, eine Kurve weiter raus aufs fast offene Gewässer. Das hat ein bisschen was von schwedischen Seenlandschaften. Und plötzlich taucht da linker Hand dieses wunderschöne, viktorianische Anwesen auf. Das Parknasilla-Hotel gehört zu den am romantischsten gelegenen Irlands, hatte schon vor 100 Jahren Schriftsteller Sir George Bernard Shaw inspiriert und wurde gerade erst in Irland zum Hotel des Jahres 2017 gewählt.

    Ein Stopp bei diesem stilvollen, dezent-luxuriösen Vier-Sterne-Resort ist auch Pflicht für jeden Auto- und Bus-Touristen, der sich entschlossen hat, das Nordufer der Kenmare Bay auf dem Landweg zu erkunden. Rund um die Anlage finden sich mehrere kleine, frei begehbare Rundwanderwege durch dichte Rhododendren-Haine, von denen der „Sea-Trail No. 1“ mit Option, den „Island Trail“ noch dranzuhängen, fraglos der am landschaftlich reizvollste ist. An den felsigen Küstenabschnitten können sich schon mal Robben tummeln, die den Menschen vergnügt zuzuzwinkern scheinen. Und für die Kinder ist's ein Heidenspaß am „Fairy Trail“, wo es im Dickicht zahlreiche Feenbehausungen zu entdecken gibt. Insgesamt schlängeln sich zehn Pfade um und auf die (Halb-)Inselchen.

    Wer, vom unweit gelegenen Städtchen Kenmare kommend, noch ein Stück weiter dem Bus- und Pkw-Tross folgt, der sich über die legendäre Küstenroute „Ring of Kerry“ schlängelt, wird für die zugegeben etwas nervige Gondelei spätestens entschädigt, wenn hinter Caherdaniel ein kleines braun-weißes Schildlein hinunter zum „Derrynane House“ weist. Das Sträßchen ist viel zu schmal für die großen Busse, die weiter gen Waterville schaukeln. Das besagte, ein Museum beherbergende Landhaus darf getrost links liegen gelassen werden. Noch gut zwei Kilometer Gerumpel und Gehoppel weiter – es ist ja nicht das eigene Auto, sondern ein Schmerz gewohnter Mietwagen – und der Blick öffnet sich auf eine traumhaft schöne, nahezu menschenleere Dünenlandschaft – wesentlich ursprünglicher als beim großzügig ausgeschilderten „Derrynane Beach“.

    Nicht nur Busse, auch viele Autofahrer scheuen die engen Kurven

    Ursprünglichkeit kennzeichnet auch das südliche Ufer der Kenmare Bay. Auch um die dortige Beara Peninsula führt eine Ringstraße, nur ist auch die für Busse zu klein und selbst viele Autofahrer scheuen die unzähligen Kurven. Entsprechend geht es ruhiger zu – und bleiben die Naturschönheiten dieser Halbinsel bevorzugt den Tagesausflüglern vorbehalten. Wie der „Dereen Garden“ bei Lauragh. Fast genau gegenüber der Parknasilla-Walks auf der anderen Seite des Kenmare Rivers schlängeln sich die Pfade über insgesamt zwölf Kilometer vom schmucken, im 19. Jahrhundert erbauten Schloss hinunter ans Wasser.

    Bambushaine, Eukalyptus-Reihen und gewaltige Farne – neben den tapsigen Spaziergängern hüpfen Eichhörnchen und Sikawild durchs Dickicht, tänzeln Marder und Otter über umgestürzte Baumstämme. Und Kinder suchen begeistert die „Dereeny Houses“, winzige Behausungen in denen maximal fünf Zentimeter kleine und äußerst freundliche Fabelwesen, die „Dereenys“, leben (sollen) – das letzte wurde 1855 gesichtet, eben ein scheues Völkchen.

    Auf halber Strecke zwischen dieser grünen Oase und dem umtriebigen Kenmare zweigt eine abenteuerliche Route ins Landesinnere ab, führt über acht Kilometer kurvenreich an mehreren Seen vorbei und mündet in einen Talkessel – an dessen Ende ein, je nach Jahreszeit und Regen mehr oder weniger beeindruckender Wasserfall vom Felsmassiv hinunterrauscht. Wetten, dass Pete und seine Frau schon winkend bereitstehen? Es kommen nicht gerade alle paar Minuten Gäste hierher.

    Pete hört schon von weitem die Autos, empfängt die Gäste und kassiert gleich mal Parkgebühr. O.k., das ist alles Privatgrund und will erhalten werden. Doch kaum sind ein paar Euros in Petes klobige Hände gewandert, herzt einen der kernige Ire erst einmal, erklärt die verschiedenen Wege rund um den Wasserfall und deutet auf seinen weißen Jeep: „Ich bringe euch ein bisschen nach oben.“ Denn wer sich für die große Runde über den Gipfel entschlossen hat, der darf schon mal mit über zwei Stunden Laufzeit rechnen – und mit steilen Anstiegen.

    Im Tal reihen sich die Seen wie Perlen an einer Schnur aneinander

    „Aber, Leute, es lohnt sich: Ihr steht nicht alle Tage über einem Wasserfall“ – dann lässt Pete seine Gäste auf halber Höhe aussteigen, zeigt mit ausgestrecktem Arm hinunter ins Tal, wo sich die Seen wie an einer Perlenschnur reihen. Danach saust Pete beängstigend schnell den steinigen Weg – wie kann man hier eigentlich Auto fahren? – zurück zum Cottage. Und: Ruhe! Die Wanderung ist definitiv eine der schönsten in ganz Irland, der Flecken ist's ohnehin. Welch ein Kontrast zum landschaftlichen Idyll der Kenmare Bay ist das namensgebende 2000-Einwohner-Städtchen, an dem man einfach nicht vorbeikommt – ob nun Ausgangspunkt oder Durchgangsstation.

    Tagsüber verzaubern die quietschbunten Häuschen der in Triangelform angeordneten Hauptstraßen, nachts lockt das von reichlich Live-Musik gekennzeichnete Nachtleben. Pub reiht sich an Pub. Und das Gros der Wirtshäuser hat sich seine Urigkeit, trotz aller Touristen der Sommermonate, bewahrt. Kenmare – das ist authentische, irische Wirtshauskultur mit Barfood und Guinness, mit Polstermöbeln und offenem Kamin. Und abends wird gefiedelt, geklampft und natürlich getanzt. Kulinarisches Pflichtprogramm sind der Burger im Pub des über 200 Jahre alten „Landsdown Arms Hotel“ und der Shepard's Pie im „Foley's“.

    Im November regieren sieben Tage Feen und Hexenmeister

    Und einmal im Jahr, freilich immer in der Woche um den 1. November, steht Kenmare kopf: Sieben Tage regieren die Geister und Untoten, die Feen und die Hexenmeister – dann wird Halloween gefeiert. Aber wie. Wenn die Massen weg sind, feiern die Einheimischen mit ein paar Individualtouristen zwischen Kürbisköpfen und Spinnweben ein schaurig-schönes Fest. An dessen Ende eine nächtliche, an Faschingsumzüge erinnernde Parade steht. An der Spitze ein Knochenmann auf einem Schimmel.

    Knochenmänner, Geister? Ja, ist denn schon November? Man möchte es fast meinen. Denn irgendwie schauen diese in Ölzeug verpackte Gestalten auch ein bisschen so aus, als wären sie nicht von dieser Welt. Es sind unsere Kajakfahrer. Und ja, sie kommen gerade zurück von einem Trip durch eine zumindest etwas andere Welt . . .

    Tipps zum Trip

    Anreise in Irlands Südwesten am besten ab Frankfurt-Hahn mit Ryanair direkt zum winzigen Kerry Airport in Faranfore. Leihwagen lassen sich am einfachsten über billiger-leihwagen.de von Deutschland aus buchen. In Kenmare reihen sich nicht nur die Pubs aneinander, sondern auch Sehenswürdigkeiten unterschiedlichster Epochen. Am südwestlichen Stadtrand findet sich ein keltischer Steinkreis, der auf 2000 v. Chr. datiert wird. Deutlich jünger ist die 300 Meter nördlicher gelegene „Cromwell's Bridge“ aus dem 11. Jahrhundert. Die aus Natursteinen gelegte halbkreisförmige Brücke zu queren, ist allerdings eine arge Kraxelei. Im Südosten liegt der Reenagross Park. Vor über 200 Jahren vom Marquis of Landsdown angelegt, bietet der Landschaftsgarten Spazierwege durch Rhododendren-Haine entlang des Flussufers. Auf Robben-Schau geht's mit der Sea-Fari. Am Pier von Kenmare startet mehrmals täglich ein Schiff Richtung offene See. Nahezu immer beobachten lässt sich das seit Jahren am Ufer nistende Seeadler-Paar. Deutlich mehr Glück braucht's, um Delfine zu entdecken. Verlässlicher sind da die pelzigen Meeressäuger mit den Knopfaugen: Nicht umsonst hat die Kenmare Bay die größten Kolonien von Kegelrobben. Der Kapitän führt das Schiff so lautlos wie möglich heran, so dass die Mitreisenden die Tiere zum Greifen nahe haben. Infos unter www.seafariireland.com. Wandern ist in Irland manchmal gar nicht so leicht. Viele Flächen sind in privater Hand und deswegen eingezäunt. Eine der Ausnahmen ist der „Kerry Way“. Ein wunderbares Stück der über 140 Kilometer beginnt gleich im Westen Kenmares. An der Ausfallstraße N70 („Ring of Kerry“) stadtauswärts weist rechter Hand ein kleines braunes Schild mit weißer Schrift auf den „Kerry Way“. Von den Anhöhen nahe der Blackwater Bridge weitet sich der Blick auf die Bucht bis zum offenen Meer. Nobel schlafen und speisen lässt es sich im Parknasilla Resort & Spa. Das viktorianische Schlosshotel beherbergte Prominenz wie Fürst Rainier von Monaco, ist unter moderner Führung bezahlbar geworden und bietet einen tollen Blick auf die Kenmare Bay. Legendär: der Irish Coffee im Kaminzimmer am prasselnden Feuer. Infos unter www.parknasillaresort.com
    Rast mit Aussicht: Blick auf die Kenmare Bay Foto: Michael Bauer
    Rast auf Irisch: Tee, Kekse und natürlich ein Guinness. Foto: Michael Bauer
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