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    Vom Götterfall in Teufels Küche

    Am Fuß des Berges Námafjall raucht und zischt es. Auf der weiten Ebene unterhalb schneebedeckter Gipfel blubbern heiße Schlammquellen vor sich hin. Aus Erdlöchern und Steinhaufen steigt heißer Dampf, der Schwefelgeruch aus der Tiefe mit sich bringt. Es geht hier zu wie in Teufels Küche, wie der Ort im Volksmund auch heißt. Der „Höllenkrater“ ist nicht weit entfernt: Er hat einen Durchmesser von rund 300 Metern, ein Wanderweg auf dem Kraterrand führt um ihn herum. Der Höllenschlund ist inzwischen verschlossen und mit eiskaltem Wasser gefüllt. Angenehm warm ist das Wasser der nahen Naturbäder von Jardbödin, wo man unter freiem Himmel in der wilden Landschaft baden kann, während es draußen blubbert, brodelt, gurgelt, zischt und raucht.

    Island, die Insel aus Feuer und Eis, ist ein Land der Extreme. Im Norden dieses wilden Fleckens Erde sorgt das Schauspiel der Natur für besonders viel Abwechslung. Rund um den See Mývatn finden sich Lavafelder, Wasserfälle, heiße Quellen, Vulkankrater und dampfende Erdspalten. Viele dieser Orte sind mit alten nordischen Mythen verknüpft – etwa der Tafelberg Herdubreid, auf dem einst Göttervater Odin gesessen und die ganze Welt überblickt haben soll. Ein sagenhafter Ort ist auch das Lava-Labyrinth von Dimmuborgir, was übersetzt „Dämmerburgen“ bedeutet: Nach einem Vulkanausbruch sind dort bis zu 20 Meter hohe Felsformationen aus Lava entstanden, die an dunkle Türme und Mauern erinnern. Man erzählt sich, dass dort Elfen und Trolle wohnen. Wer der nüchternen Betrachtung der Natur den Vorzug gibt, kann in Dimmuborgir ebenfalls Interessantes entdecken: Ein Spalt in der Erde markiert jene Stelle, an der sich die eurasische und die amerikanische Kontinentalplatte auseinanderbewegen. Da das Ganze sehr langsam und tief unter Island vor sich geht, kann man aber nicht dabei zusehen. Es sei denn, man nimmt sich sehr viel Zeit, am besten ein paar tausend Jahre, bleibt immer an derselben Stelle stehen und wartet, was passiert.

    Still ruht der Mývatn in der Landschaft. Mývatn heißt übersetzt Mückensee. Was der Mensch weniger zu schätzen weiß, würdigen Wasservögel, denen die Mückenschwärme als Nahrung dienen, umso mehr: Die Gegend um den Mývatn ist Brutgebiet von Stockenten, Bergenten, Reiherenten, Pfeifenten, Kragenenten und weiteren Verwandten aus der großen Familie Duck. Auch Singschwäne und Sandregenpfeifer lassen sich hier sehen, und Odinshühner – die dürfen auf der Insel der nordischen Mythologie natürlich nicht fehlen. Die Bewohner der Gegend um den Mývatn stehen bei Urlaubern im Ruf, sehr freundlich zu sein, weil sie ständig winken. Dabei wedeln sie im Sommer nur mit ihren Händen die Mücken weg. Die Mücken locken die Vögel und diese wiederum Vogelbeobachter an. Das ist der Kreislauf der Natur.

    Bei Skútustadir im Süden des Mývatn erheben sich kleine Inseln aus dem See, die vollkommen grün bewachsen sind und kleine Krater umschließen, die durch Dampfexplosionen entstanden sind – eine bizarre Szenerie, als ob jemand einen Golfplatz für Riesen errichtet hätte. Vom Mývatn aus führt eine Straße durch Lavafelder hindurch und an schneebedeckten Bergen vorbei Richtung Norden zum Dettifoss, dem größten Wasserfall Europas. Breit rollt der Gletscherfluss Jökulsá á Fjöllum auf einer Hochebene heran und stürzt dann fast 50 Meter in die Tiefe. Ein gewaltiger Anblick. Die Natur erscheint hier wie ein lebendiges Wesen. Kein Wunder, dass in Island so viele Mythen entstanden sind. Der Wasserfall Godafoss auf halbem Weg zwischen dem Mývatn und der Stadt Akureyri ist Schauplatz gleich mehrerer Geschichten. Die alten isländischen Sagas berichten von Grettir dem Starken, der hier eine ganze Nacht lang mit einem Riesentrumm von Trollweib kämpfte, bis er sich mit letzten Kräften befreien konnte und die Trollin in die Schlucht stürzte. Oder vom Stammesführer Thorgeir, der hier um das Jahr 1000, als Island das Christentum annahm, die alten Götterbilder zum Wasserfall trug und hineinwarf – wovon der Godafoss (Götterfall) seinen Namen erhielt.

    Ein buntes Glasfenster in der Kirche von Akureyri zeigt Thorgeir, wie er gerade ein Götterbild in den Godafoss wirft. Im Kirchenschiff ist noch ein Schiff zu sehen: Von der Decke hängt das Modell eines Dreimasters – eine Gabe, um göttlichen Schutz für die Fischer zu erbitten, die von hier aus aufs Meer hinausfuhren. Akureyri gilt als „Hauptstadt des Nordens“. Mit 18 000 Einwohnern ist die Stadt schon die zweitgrößte Islands – nach Reykjavík. Mehrere Museen, Galerien, ein Kulturhaus mit Konzerthalle, Kinos, Restaurants und Musikkneipen locken Bewohner des Landesinneren und der Küstenorte an – und gewiss auch etliche Trolle.

    Akureyri liegt am Ende des Eyjafjördur, Islands längstem Fjord. Rund 60 Kilometer sind es von hier bis zum offenen Meer. Die Tafelberge, die sich hinter Akureyri erheben und den Fjord einrahmen, sind vom Gletschereis glatt geschliffen, die höheren Regionen der Massive aus Granit ganzjährig von Schnee bedeckt. Wer Wale beobachten möchte, ist in Akureyri am rechten Ort, denn die Wale kommen bis in den Fjord. Rund 100 Meter tief und bis zu fünf Kilometer breit ist der Eyjafjördur, in dem sich vor allem Buckelwale und Zwergwale herumtreiben. Von der Anlegestelle neben dem Kulturhaus von Akureyri aus sticht das kleine Walbeobachtungsschiff „Ambassador“ in See. Der Wind bläst. Es dauert nicht lange, da bläst es auch auf dem Wasser: Etwa 200 Meter rechts vom Schiff steigt eine Fontäne hoch. Wenig später ragt der Rücken eines Buckelwals aus dem Fjord, kurz darauf ist nur noch die Schwanzflosse zu sehen, der Wal verschwindet wieder in der Tiefe. Nach einer halben Stunde tauchen zwei weitere Wale auf und stellen ihr Gebläse an. Es ist ein Schauspiel der Natur, das in Island zu Wasser, zu Lande und in der Luft aufgeführt wird: Oben bläst der Wind, aus Erdspalten bläst schwefelhaltiger Dampf, Geysire blasen Flüssigkeiten aus dem Erdinneren, und auf dem Wasser blasen die Wale.

    Vielleicht liegt es an den riesigen Meeressäugern, dass man in Island glaubte, auch das Land sei von Riesen bevölkert. Sie tauchen in den altisländischen Sagas und nordischen Mythen auf. In Märchen und Spukgeschichten begegnet man ihnen – neben Trollen und Elfen – noch heute. Für die mit weißer Plastikfolie überzogenen Heuballen auf Wiesen und Hängen gibt es daher vor allem zwei Erklärungen: Manche sagen, die großen, weißen, runden Gebilde seien Marshmallows für die Riesen, andere neigen eher der Auffassung zu, es handle sich um Toilettenpapierrollen für Elfen und Trolle. Wir werden es hier nicht mit letzter Sicherheit klären können. Für den Tourismus Islands jedenfalls spielen Elfen und Trolle eine wichtige Rolle. Ein Steingebilde nahe dem Mývatn wird gern besucht, weil es ein Elfenhaus sein soll – wer Fantasie hat, sieht sogar die Balkone. Andernorts gibt es einen Elfenhügel, wo man die durch Elfen und Trolle ausgelösten Vibrationen angeblich spüren kann, wenn man sich auf die dort liegenden Steine setzt. Es soll aber auch Menschen geben, die stundenlang dort auf ihrem Hintern saßen und gar nichts spürten. Das muss aber nichts heißen. Manchen gehen Elfen und Trolle eben am Allerwertesten vorbei.

    Tipps zum Trip

    Information: Über Freizeitangebote, Routen und Unterkünfte im Norden Islands informiert die Internetseite www.northiceland.com Anreise: Icelandair fliegt mehrmals die Woche von Frankfurt nach Reykjavík. Der Flug dauert dreieinhalb Stunden. Die Kurzreise „Superdeal“ ist bis April ab 349 Euro pro Person buchbar und umfasst Flug sowie drei Hotelübernachtungen mit Frühstück. Icelandair fliegt auch, mit Stopover in Island, verschiedene Ziele in den USA wie New York oder Boston an. Bei einem Stopover kann man die Reise ohne Aufschlag bis zu sieben Tage in Island unterbrechen. Information im Reisebüro oder unter www.icelandair.de Unterkunft: Von Ferienwohnungen, Übernachtung mit Frühstück auf Bauernhöfen bis zu Hotels bietet Islands Norden Urlaubern eine Vielzahl von Unterkunftsmöglichkeiten unterschiedlicher Preiskategorien. Gute Ausgangspunkte für Touren ins Umland sind zum Beispiel das Icelandair Hotel Akureyri (www.icelandairhotels.is) oder das Sel Hotel am See Myvatn (www.myvatn.is). Buchtipp: Eine Auswahl der wichtigsten Erzählungen aus dem alten Island bietet der von Arthur B. Bollason herausgegebene Band „Die schönsten isländischen Sagas“ (Insel Verlag, 240 Seiten, 8,99 Euro).

    Götterdämmerung am Godafoss: Glasmalerei in der Kirche von Akureyri.

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