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    Von Schafen und Walen

    Warum kommt der Bus nicht? Ich stehe vor einer Kirche in einer entlegenen Bucht auf einer kleinen Insel im Nordatlantik, drumherum hohe grüne Felsen mit weidenden Schafen und tief hängenden Wolken. Ich bin auf der Südinsel der Färöer und in der Kirche hinter mir ist das älteste Exemplar der färöischen Flagge, zudem ein Grabstein aus dem 16. Jahrhundert mit Runen darauf. Es war eine steinige und anstrengende aber auch wahnsinnig schöne Wanderung hierher. Das Dorf Fámjin um mich herum besteht aus bunten Häusern und hat ein uriges Café in einem kleinen Holzhäuschen.

    Der Bus hat schon zehn Minuten Verspätung, sagt mir der Blick auf die Uhr. Nach einem Anruf beim Verkehrsbetrieb kommt mich irgendwann ein Auto abholen. „Der Busfahrer“, sagt mein Chauffeur, „kann gerade nicht. Es sind Grindwale gesichtet worden.“ „Grindadráp“, der färingische Walfang, ist gerade das Thema auf den Inseln.

    Auf die Färöer, gelegen zwischen Norwegen und Island, verirren sich nicht viele Touristen. Oft machen sie nur einen Zwischenstopp mit der Fähre auf dem Weg nach Island. Außer dass es auf den Färöern Fußballer mit Wollmützen gibt, die gegen Österreich gewonnen haben, weiß man nicht viel von den Inseln. Auf den Sieg gegen die Österreicher immerhin sind die knapp 50 000 Wikinger-Nachfahren noch heute stolz. Dass es dort viele Schafe gibt, hat mancher auch schon gehört. Dabei könnte der Färöer-Archipel mit seinen 18 Inseln ein Publikumsmagnet sein. Die erste Sehenswürdigkeit ist die Altstadt von Tórshavn, der färingischen Hauptstadt: verwinkelte Gassen, Holzhäuschen mit Gras auf dem Dach, die aussehen wie in einem Freilichtmuseum, aber tatsächlich bewohnt sind, dazu kleine Läden und Cafés, Segel- und Motorboote im Hafen. Und es gibt jede Menge Kinder – 2,6 je Frau.

    Immer den Steinhaufen nach

    Die Färöer, zu deutsch Schafsinseln, machen ihrem Namen alle Ehre – die Färinger tragen nicht nur Mützen aus Wolle, sondern vor allem Pullover. Und die Lieferanten der Wolle grasen schon in Altstadtnähe. Außerhalb der Hauptstadt hat jede Familie ein paar Schafe, oft direkt am Haus und in allen Farben. Der ganze Stolz sind die Widder mit ihren geschwungenen Hörnern. Je dicker die Widder sind, umso stolzer sind ihre Besitzer.

    Vor allem bei Wanderungen kommt man auf den Färöern auf seine Kosten – schwere Beine vom vielen Auf und Ab garantiert. Es heißt: immer den Steinhaufen nach. Wenn es regnet, was oft geschieht, muss man nicht aufstecken. „Ich sage den Touristen immer: Warten Sie ein paar Stunden, es wird garantiert wieder schön“, sagt eine Angestellte des Tourismusbüros in Tvoeroyri auf der Südinsel.

    Die Inseln, die teils so schmal sind, dass man zu beiden Seiten das Meer sieht, haben einige spektakuläre Schluchten und Klippen zu bieten. Da wäre im Norden zum Beispiel Kap Enniberg, mit 754 Metern Höhe die höchste senkrecht abfallende Meeresklippe Europas. Auch die Südinsel Su?uroy hat mehrere atemberaubende Klippen, in denen Vögel nisten. Nur Schwindelfreie wagen einen Blick über den Rand hinab. Auf der Südinsel, auf die man von Tórshavn günstig mit der Fähre oder gleich mit dem Helikopter kommt, gibt es auch die Glyvrabergsgjógv-Schlucht. Eine schmale Holzbrücke überspannt dort einen nur wenige Meter breiten, aber dafür Hunderte Meter tiefen Seitenarm hinüber zu einem Gras bewachsenen Felsen. Die Brücke ist weniger für Menschen als vielmehr für die Schafe gedacht, die im Sommer auf dem Felsen weiden.

    Was man auf den windigen Inseln kaum sieht, sind Bäume. In den Vorgärten wird zwar das ein oder andere Exemplar gehegt und gepflegt, ansonsten gibt es aber nur Felsen und Gras. Ein paar vereinzelte hochgepäppelte Wäldchen ducken sich in die Landschaft. Der ein oder andere hat ein Kartoffelfeld im Garten angelegt, die Hecken sind Johannisbeerbüsche.

    Ein heißer Tipp ist eine Bootstour um die Inseln, beispielsweise auf die einzig unbewohnte Insel Lítla Dímun. Auf dem kleinen, oben grünen Kegel, an dem meist eine Wolke klebt, nisten Papageientaucher. Bei geführten Touren kann man mit Leitern den Felsen erklimmen. Auf Lítla Dímun lebt außerdem eine Herde wilder Schafe, die einmal im Jahr eingefangen wird. Dort überlebten auch die letzten Tiere der ursprünglichen Schafe der Färöer, einer kleinen schwarzen Rasse, die von einer um 1600 ausgebrochenen Schafspest dahingerafft wurde – bis 1860 die letzten Tiere Jägern zum Opfer fielen.

    Wer mit der Fähre anreist, hat unterwegs schon die Chance, Wale zu sehen. Irgendwo zwischen den Shetland-Inseln und den Färöern sagt tatsächlich der Kapitän der „MS Norröna“ durch, dass eine große Gruppe Wale vorbei schwimme. Und schon stürzen die Passagiere an Deck. Kameras werden gezückt, um die vielen kleinen Fontänen und ab und zu einen Walrücken festzuhalten. Grindwale. Färingische Kinder laufen herum und rufen „Sea Shepherd! Sea Shepherd!“. „Sea Shepherd“ ist eine Greenpeace-ähnliche, internationale Organisation, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Töten von Grindwalen auf den Färöern zu stoppen.

    Der „Grindadráp“, wie das Töten der drei bis sechs, manchmal bis zu acht Meter langen Tiere heißt, gehört für die allermeisten Färinger selbstverständlich zum Nahrungserwerb und wird heute noch fast wie bei den ersten Siedlern zu Zeiten der Wikinger betrieben. Wird in Küstennähe eine Herde Grindwale gesichtet, wird die Kunde blitzschnell über die Insel verbreitet, Boote versuchen dann die Tiere in eine Bucht zu treiben, wo sie mit zwei gezielten Messerstichen getötet werden. Färinger argumentieren, dass die Tiere nicht gefährdet sind, Jagd humaner als Massentierhaltung ist und das Fleisch nicht verkauft, sondern nur unter den beteiligten Familien verteilt wird. „Sea Shepherd“ hingegen stellt das blutige Spektakel als grausames Abschlachten dar und findet in den sozialen Netzwerken im Internet weltweit Unterstützer.

    Die Besitzerin des gemütlichen Cafés im kleinen Ort Fámjin hat es, kurz bevor der Bus wegen der Wale nicht gekommen ist, so beschrieben: „Die armen jungen Leute von ,Sea Shepherd‘ sitzen wochenlang draußen und halten Aussicht nach Walen. Sie wollen sie retten – aber wir wollen sie essen.“

    „Das gibt Krieg“, sagt der Fahrer, der mich statt des Busses abholt und sichtlich nichts von „Sea Shepherd“ hält. Auf einmal ist die ganze Südinsel in Aufruhr wegen der Wale. Ein Auto nach dem anderen fährt in die Richtung, in der sie vermutet werden. Doch in der Bucht, in die sie getrieben werden sollten, sind keine Wale. Also fahre ich per Anhalter in den nächsten Ort. Der junge Mann, der mich mitnimmt, noch keine 20 Jahre alt, hat mehrere Flaschen Schnaps und Gummistiefel mit dabei. Für die Färöer ist der Grindadráp ein Fest.

    Doch an diesem Tag haben die Wale Glück: Sie können entkommen. Die aus der Hauptstadt mit Helikoptern herbeigeeilte Polizei, die verhindern wollte, dass Walfänger und Walfanggegner aufeinander losgehen, kann wieder zurückfliegen. Und ich suche mir noch einen Fahrer, der mich zum 469 Meter hohen, steil ins Meer abfallenden Berg Beinisvoer?, einem nationalen Symbol der Färöer, bringt. Dahin hätte ich eigentlich mit dem Bus gewollt.

    Tipps zum Trip

    Information: Auf der Internetseite www. visitfaroeislands.com ist auch auf Deutsch viel Wissenswertes rund um die Färöer und eine Reise dorthin zu erfahren.

    Anreise: Entweder man nimmt einen Flug auf die Färöer (von Kopenhagen gibt es täglich mehrere Abflüge), oder man kommt auf dem Seeweg mit der Fähre „MS Norröna“ der färingischen Smyril Line ab Norddänemark – was den Vorteil hat, dass man auch sein Auto mitnehmen kann. Wer mit der Fähre nach Island reist und die Färöer nur mal testen möchte, hat die Möglichkeit, einen dreitägigen Zwischenhalt einzulegen. Informationen: www.smyrilline.de, Tel. (04 31) 20 08 86.

    Sprache: Auf den Färöern spricht man Färöisch, eine skandinavische Sprache, die dem Isländischen ähnelt und stark vom Dänischen, das jahrhundertelang Kolonialsprache war, beeinflusst ist. Auch heute noch sprechen alle Färinger dänisch. Man kommt natürlich auch gut mit Englisch zurecht, steht aber dann zumindest als junger Mensch im Verdacht, von „Sea Shepherd“ zu sein.

    Währung und Preise: Auf den Färöern gibt es die Färöische Krone. Dabei handelt es sich aber um keine eigenständige Währung, sondern um eine lokale Variante der Dänischen Krone mit lediglich eigenen Banknoten. Man kann auch mit wertgleichen Dänischen Kronen zahlen. Die Preise auf den Färöern haben es jedoch in sich: Ein Cappuccino beispielsweise kostet knapp fünf Euro. Ein Liter Milch ist nicht unter 1,50 Euro zu haben.

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