• aktualisiert:

    OBIDOS

    Eine Stadt zum Stöbern

    Obidos ist eine Stadt mit mittelalterlichem Charme. Foto: Fotolia

    Die vielen Busse signalisieren: Das Städtchen gehört zu den Hotspots des Tourismus in Zentrum von Portugal. Schon von weitem ist die Burg zu sehen, die das mittelalterliche Obidos überragt. Auf der alten Stadtmauer kann man den Ort umrunden. Doch vor allem Buchliebhaber sollten es nicht versäumen, in die engen Gassen hineinzugehen. Denn in Obidos spielen Bücher eine wichtige Rolle. Es gibt sie nicht nur da, wo man sie erwartet: in Buchläden. Es gibt sie auch auf einem Gemüse- und Obstmarkt, in einer Weinbar – und in einer Kirche.

    Denn Obidos sieht sich als „literarische Stadt“, und dazu gehört auch, dass Bücher kein Nischendasein führen. Im Gegenteil, in der Kirche von Santiago aus dem 13. Jahrhundert, wo sich die Buchhandlung „Livraria Grande de Santiago“ eingenistet hat, stehen die Büchertische vor dem Altar, der von Buchregalen eingerahmt wird. Portugiesische Autoren finden sich hier – der Literaturnobelpreisträger José Saramago, der Lyriker Fernando Pessoa, der Romancier António Lobo Antunes, aber auch der Nationaldichter Luís de Cames –, daneben Bildbände über Portugal, Geschichtsbücher und Lexika.

    Nur ein paar Schritte sind es von hier zum ehemaligen Refektorium des Rathauses. Was auf den ersten Blick wie ein Gemüse- und Obstmarkt wirkt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als einladender Buchladen. Kohlköpfe und Lyrik – das passt hier zusammen. Beides wird in Holzkisten präsentiert. Es lohnt sich, im Laden zu stöbern. Denn auch deutsche Bücher mischen sich hier unter die Buch-Antiquitäten. Und so mancher Kunde, der vielleicht nur einen Kürbis kaufen wollte, geht mit dem Gemüse und dem passenden Kochbuch nach Hause – oder einem neuen Roman, einem Lyrikband, einem Kinderbuch. Wer will, kann sich auf einem der weißen Stühle niederlassen und in den Büchern seiner Wahl blättern.

    Im „Land der Poeten“

    Eine anregende Umgebung für Bücherfreunde ist auch der Weinkeller „Livraria da Adega“ am Ortseingang, wo man umringt von Büchern ein Glas Wein oder auch einen carajillo, einen Espresso mit Schuss, trinken und dabei in aller Seelenruhe in einem der Bände stöbern kann. Natürlich hat auch Obidos ein Stadtmuseum – mit vielen Büchern zur Geschichte des Ortes. Das ist man sich hier schließlich schuldig.

    In Portugal, das sich gerne auch als „Land der Poeten“ bezeichnen lässt, haben Bücher, hat Literatur einen hohen Stellenwert. Die „Lusiaden“ von Luís de Cames aus dem Jahr 1572 erzählen in zehn Gesängen von der Zeit der großen portugiesischen Entdecker und haben viel zum Nationalstolz der Portugiesen beigetragen.

    Die erste Ausgabe des Nationalepos befindet sich in einer der schönsten Universitätsbibliotheken der Welt, in der Biblioteca Joanina in Coimbra. Eine fast ehrfürchtige Stille herrscht trotz großen Andrangs in den prunkvollen Räumen, die mit brasilianischem Blattgold reich dekoriert sind. Die 60 000 Bücher und 7000 Manuskripte werden hier wahrhaft königlich in Szene gesetzt. Aber auch mit einem Augenzwinkern. Betrachtet man das Deckengemälde genauer, fällt auf, dass Fama Eselsohren trägt und Fortuna zwei Gesichter hat. Eine andere Besonderheit der Bibliothek sind die Fledermäuse. Abends, wenn der Besucherstrom versiegt ist und die Türen geschlossen sind, haben sie ihren großen Auftritt.

    Die Fledermäuse machen sich über die Insekten her, die für die Bücher gefährlich werden könnten. Doch ihr Einsatz hat auch eine Kehrseite: Ihre Exkremente könnten die wertvollen Intarsien der Ausstellungstische zerstören. Zum Schutz wird das Mobiliar mit Ledertüchern abgedeckt, was die nächtliche Bibliothek noch gespenstischer macht. Kein Wunder, dass die Fledermäuse der Universitätsbibliothek den italienischen Großfabulierer Umberto Eco besonders fasziniert haben. Die Welt aber fasziniert bis heute eine Liebesgeschichte aus dem 14. Jahrhundert, die Eingang in die „Lusiaden“ gefunden hat.

    Auch sie spielt in Coimbra, die Hauptdarsteller sind die spanische Hofdame Ines de Castro und der spätere portugiesische König Pedro I. In der „Quinta das Lágrimas“, dem Haus der Tränen, heute ein Hotel, wird die Erinnerung an das Leiden der Ines de Castro wachgehalten. Weil ihre „Amour fou“ mit dem portugiesischen Thronfolger dem König nicht in den Plan passte, zwang Alfons IV. sie, das Land zu verlassen. Doch als auch Pedros zweite (ungeliebte) Frau starb, holte er Ines zurück und verbrachte mit ihr vier glückliche Jahre in Coimbra.

    Im Tod vereint

    Der König aber sah die drei Kinder, die aus der Beziehung hervorgingen, als Bedrohung für die portugiesische Thronfolge. Er ließ Ines von gedungenen Mördern in ihrem Landhaus enthaupten, während ihr Geliebter auf der Jagd war. Pedros grausamer Rachefeldzug gegen seinen Vater endete in einem Kompromiss. Doch nach dem Tod von Alfons und der Krönung zum König war Pedros Rachedurst nicht mehr zu bremsen. Er ließ die Mörder foltern und ihnen das Herz aus dem Leib reißen, und er inszenierte der Legende nach eine makabre Krönung des Leichnams seiner Geliebten. Im Tod sind die beiden vereint: Im Querschiff der mächtigen Klosterkirche von Alcobaça stehen die zwei Prunksärge, die Pedro für sich und Ines errichten und so gegeneinander stellen ließ, dass sich die beiden Liebenden bei der Auferstehung am jüngsten Tag direkt in die Augen sehen können.

    Ihre ebenso tragische wie makabre Geschichte, vielfach beschrieben und besungen, berührt bis heute. Hochzeitspaare kommen nach Alcobaça, um an den Sarkophagen ihr Treueversprechen zu wiederholen. Und am „Brunnen der Tränen“ bei der Casa das Lágrimas in Coimbra, wo Ines ermordet wurde, tauschen Verliebte nicht nur Küsse, sondern auch Liebesschwüre aus – in der Hoffnung, dass ihre Liebe nicht so tragisch endet.

    Auch Obidos kennt übrigens eine Liebesgeschichte – eine mit Happy End allerdings, die trotzdem Geschichte gemacht hat: Weil ihr das Städtchen so gut gefiel, schenkte König Alfons II. Obidos im 12. Jahrhundert seiner Frau Urraca zur Hochzeit. Bis ins 16. Jahrhundert taten das dann alle portugiesischen Könige. Deshalb wird Obidos auch Vila das Rainhas, die Stadt der Königinnen, genannt.

    Tipps zum Trip

    Anreise: Am besten mit dem Flugzeug (TAP, Lufthansa) nach Lissabon und von dort mit Mietwagen ins Zentrum Portugals. Obidos ist etwa 80 Kilometer entfernt und über die Autobahn Auto Estrada du Norte (A 1 bzw. E 01) erreichbar. Nach Coimbra braucht man über die Autobahn A 1 von Lissabon aus zwei Stunden.

    Die meisten Autobahnen sind mautpflichtig. Wohnen: In Coimbra empfehlenswert ist das schöne „Casa das Lágrimas“, wo man am Brunnen der Tränen der tragischen Liebesgeschichte zwischen der schönen Ines und dem grausamen Pedro gedenken kann. Im Internet: www.quintadaslagrimas.pt Anschauen: • In Obidos gibt es die unterschiedlichsten Buchläden, die Stadtmauer, die engen Gassen, die Kirche Santa Maria mit den Azulejos. • Nicht weit entfernt liegt Alcobaça mit der grandiosen Abtei, wo sich die Särge von Dom Pedro und Ines de Castro befinden. • In Coimbra einen Besuch wert sind die Universität, die älteste in Portugal, die Kathedrale mit ihrem Kreuzgang und das Museum der Moderne. Von unserer Mitarbeiterin Lilo Solcher

    Kommentare (0)

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!