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    Wolfenbüttel (dpa / tmn)

    Wissenschaft und Hochprozentiges: Zu Besuch in Wolfenbüttel

    Buchrücken an Buchrücken stehen die Folianten auf drei Etagen zwischen den Säulen der Augusteerhalle. Rund eine Million Bände befinden sich im Bestand der international renommierten Forschungsbibliothek. Doch Wolfenbüttel ist noch aus einem anderen Grund weltweit in aller Munde: Alle 90 Sekunden trinkt irgendwo auf der Welt jemand einen Jägermeister aus der niedersächsischen Kleinstadt.

    Anstoßen konnte Herzog August mit dem Kräuterlikör allerdings nicht, als er 1572 seine Bibliothek gründete. Das kultige Getränk wurde erst 1935 erfunden. Für die 60 000 Titel in der Augusteerhalle erstellte Herzog August persönlich das Katalogsystem. Damit musste auch der berühmteste Bibliothekar der Stadt arbeiten: Gotthold Ephraim Lessing. Von 1770 bis zu seinem Tod 1781 war er in Wolfenbüttel angestellt, ab 1777 lebte er nur ein paar Schritte entfernt von seiner Arbeitsstätte im Hofbeamtenhaus. In dem spätbarocken, gelb-weißen Parkschlösschen schrieb Lessing nach dem Tod von Frau und Kind unter anderem «Nathan der Weise». Heute beherbergt das Lessinghaus ein kleines Literaturmuseum.

    Lessings Arbeitgeber wohnten wiederum auf der anderen Seite der Straße, im Schloss Wolfenbüttel, dem zweitgrößten seiner Art in Niedersachsen. Heute beherbergt das Schloss neben einem Museum auch ein Gymnasium.

    Während ihrer Regentschaft holten die Welfen die besten Baumeister und Stadtplaner an den Hof. Wolfenbüttel gilt als erste nach Plan gebaute Renaissance-Stadt Deutschlands. Mancher Schein ist aber im wahrsten Wortsinn Fassade: Architekt Hermann Korb ließ Holz grau streichen, damit es wie Stein wirkt und erweiterte so den Schlossbau, gemalte Fenster inklusive. Überreste des damaligen Grachtensystems lassen sich heute noch im idyllischsten Winkel der Stadt entdecken, liebevoll Klein-Venedig genannt.

    Überall bestimmen Fachwerkhäuser das Bild der Altstadt, die weitgehend unzerstört von Kriegen blieb. Insgesamt sind es über 600 denkmalgeschützte Bauten. Eher unscheinbar liegt in einer Seitengasse der Innenstadt das Stammhaus von Jägermeister. Hier wurde 1878 die Firma W. Mast gegründet, die zunächst auf die Essigproduktion setzte.

    Den Durchbruch brachte die Markteinführung des Jägermeisters 1935. In die Geschichte des weltbekannten Kräuterlikörs tauchen Interessierte bei Führungen durch das heutige Stammwerk ein. Die Tour lüftet unter anderem das Geheimnis der eckigen Flasche: Sie ging als einzige nicht kaputt, als Erfinder Curt Mast sie auf den heimischen Dielenboden fallen ließ.

    Zwar ziert noch immer der Hubertus-Hirsch die Flaschen. Doch spätestens seit der ersten Trikotwerbung der Bundesliga vor 40 Jahren ging Jägermeister moderne Wege. Heute vertreibt die Firma Gummistiefel für den Festivalsommer, Dartboard und Discokugel für den Partykeller, Duschvorhang und Bettwäsche für das eigene Zuhause. Ein Stück Wolfenbüttel für Fans auf der ganzen Welt.

    Von Nicole Jankowski, dpa

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