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    Tiflis / Würzburg

    Georgien: Wo die Wiege des Weins steht

    Im Großen Kaukasus haben Wanderer herrliche Aussichten - wie hier oberhalb der Georgischen Heerstraße bei Gudauri. Foto: Jürgen Haug-Peichl

    Mal ehrlich: Es fällt schwer, Georgien auf der Weltkarte sofort zweifelsfrei zu finden. Kein Wunder, ist das Land am Kaukasus nicht mal ganz so groß wie Bayern, hat gerade so viele Einwohner wie Berlin und war lange ein unselbstständiges Anhängsel des Riesenreiches Sowjetunion.

    In mancherlei Hinsicht ist Georgien dann aber noch nicht zu übersehen - und spannend sowieso. Das fängt beim Wein an, gilt Georgien doch als Wiege des Weinbaus. Oder die wunderschöne Schnörkel-Schrift: Sie hat keine Verwandten, das Alphabet mit seinen 33 Buchstaben gibt es also nur in Georgien. Wörter mit bis zu acht Konsonanten hintereinander und das Bündel von Nachnamen, die entweder auf "-wili" oder "-adse" enden, sind typisch. Und nicht zuletzt die geopolitische Lage, müht sich Georgien doch, nicht zum Spielball gerade von Russland zu werden.

    Der Waschlowani-Nationalpark ganz im Osten des Landes an der Grenze zu Aserbeidschan besticht durch solche Felsformationen in der Steppe. Zum Teil findet man dort Muscheln als Zeugnisse jener Ur-Zeit, als die Gegend noch vom Meer bedeckt war. Foto: Jürgen Haug-Peichl

    All das macht eine Reise durch jene Landstriche so interessant, die sich weder eindeutig zu Europa noch zu Asien zuordnen lassen - nicht umsonst bezeichnen die Georgier ihre Nation gerne als "Balkon von Europa". Die vielen EU-Flaggen im Land lassen indes letzte Zweifel verschwinden, auf welcher Seite Georgien mitspielen möchte. Die Hassliebe zu Russland und der Südossetien-Krieg 2008 spielen dabei (immer noch) eine Rolle, wie erst kürzlich der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Georgien gezeigt hat.

    Blickt der Tourist über die populären Badestrände am Schwarzen Meer hinaus, ergibt sich eine überraschende Vielfalt lohnender Reiseziele. Da wäre die Region Kachetien zu nennen mit dem steppenartigen Waschlowani-Nationalpark oder dem uralten Höhlenkloster Dawit Garedscha, beides direkt an der Grenze zu Aserbeidschan.

    Das georgisch-orthodoxe Kloster Dawit Garedscha liegt in der Steppe direkt an der Grenze zu Aserbeidschan. Teile der Anlage stammen aus dem 6. Jahrhundert, weswegen das Kloster als östlichster Vorposten des historischen Christentums gilt. Die Mönche lebten seinerzeit in Höhlen, die man ebenfalls besichtigen kann. Foto: Jürgen Haug-Peichl

    Kachetien steht aber auch für etwas, was Georgien derzeit in aller Welt immer bekannter macht: der Wein eben. Im Land ist man stolz auf den Fund von Archäologen, die auf Reste von 8000 Jahre alten Traubenkernen stießen - weshalb man in Georgien den Ursprung des Weinbaus auf der Welt sieht.

    Georgi Zumbadze kann viel darüber erzählen. Der 39-Jährige führt das edle Weingut Mosmieri nahe der kachetischen Provinzhauptstadt Telawi. Kunden für seine 120 000 Flaschen pro Jahr hat er in der EU genauso wie in den USA, Japan und China. "Die Nachfrage nach Amphorenweinen steigt", freut sich der Winzer.

    Das Land gilt weltweit als Wiege des Weinbaus. In solchen Tongefäßen ("Qvevri") wird Wein nach jahrtausendealter Tradition hergestellt. Foto: Jürgen Haug-Peichl

    Mit Amphorenweinen meint Zumbadze jene uralte Verarbeitung der Trauben, für die Georgiens Wein in steigendem Maße Liebhaber findet: Die Trauben werden samt Schale und Kernen in bis zu 3000 Litern fassenden Tongefäßen etwa drei Wochen lang bei der Gärung sich selbst überlassen. Die unter dem Namen Qvevri bekannten Amphoren werden luftdicht verschlossen und in der Erde vergraben.

    30 Prozent seiner Weine stellt Zumbadze auf diese Weise her, den Rest nach europäischer Sitte. Er ist mit seinen 22 Hektar Rebfläche Selbstvermarkter - wie die meisten Winzer in der Region. Einen Vertrieb mit Hilfe großer Genossenschaften wie etwa in Deutschland kenne man in Georgien nicht.

    Wegen seines vollen Aromas sowieso, aber auch wegen seiner Farbe sticht der georgische Wein hervor. Den Rotwein nennt man hier "Schwarzwein". Und der Weißwein sollte eher "Bernstein-Wein" heißen und gleicht beim Blick ins Glas einem kräftigen Apfelsaft.

    Das alles hat längst auch in Bayerns bedeutendstem Weingebiet, in Franken, Anhänger gefunden. So versucht sich seit geraumer Zeit der Winzer Manfred Rothe in Nordheim am Main (Lkr. Kitzingen) an dieser jahrtausendealten Methode. Damit nicht genug: Die Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim bei Würzburg hilft seit 2014 der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beim Aufbau der privaten Weinwirtschaft in Georgien.

    Interessenten aus der Fremde haben auch in anderer Hinsicht die Fühler ins Weinland Georgien ausgestreckt: So stehe hinter seinem Weingut eine deutsch-georgische Investorengruppe, sagt Geschäftsführer Zumbadze. So etwas gebe es in Kachetien öfters, "denn das Interesse an georgischem Wein nimmt sehr zu".

    Georgien gilt weltweit als Wiege des Weinbaus. Weinhändler wie Giorgi Zumbadze liefern mittlerweile auch ins Ausland. Der 39-Jährige macht Weine sowohl nach europäischer als auch nach jahrhundertealter georgischer Art - wie diesen "Schwarzwein", benannt nach seiner dunklen Farbe. Foto: Jürgen Haug-Peichl

    Die bekanntesten der ungefähr 4000 Rebsorten in Georgien heißen Saperavi (rot), Mtsvane, Kisi und Rkatsiteli (alle weiß). Aus ihnen macht jeder Winzer etwas Eigenes, individuelle Rezepturen sind gängig, Weine von der Stange nicht. Das touristische Potenzial dafür hat man in Kachetien erkannt: Die eigens beschilderte "Weinstraße" verknüpft Winzerhöfe miteinander, wo Führungen, Proben und oft auch Übernachtungen möglich sind.

    Wie untrennbar das Land mit seinem Wein verbunden ist, erkennt man zum Beispiel in den orthodoxen Kirchen: Das "Nino-Kreuz" mit seinem gebogenen Querbalken soll eine Rebe symbolisieren. Nino gilt als die wichtigste Heilige in Georgien, weil sie im 4. Jahrhundert das Christentum ins Land gebracht hat. Nino liegt im Frauenkloster Bodbe unweit des schmucken Städtchens Sighnaghi begraben.

    Im Frauenkloster Bodbe in der Region Kachetien liegt die Apostelin und Heilige Nino begraben. Ihr wird zugeschrieben, im 4. Jahrhundert die Georgier zum Christentum gebracht zu haben. Sie ist in der georgisch-orthodoxen Kirche eine der wichtigsten Heiligen. Foto: Jürgen Haug-Peichl

    Die Kirchen sind gerade in der hektischen Hauptstadt Tbilisi (Tiflis) ein Ort, an dem der Tourist eine andere georgische Besonderheit erleben kann: den berühmten polyphonen Chorgesang. Gänsehaut garantiert: Da die Georgier gerne singen, haben sogar Laiengruppen ein unerhört wuchtiges Stimmvolumen. Zu erleben ist das etwa während einer Hochzeit in der Sioni-Kirche mitten in der Altstadt.

    Wer gleichermaßen die Vielfalt und Zerrissenheit Georgiens verstehen will, ist in Tbilisi gut aufgehoben. Dort stehen marode Häuser aus Sowjetzeit neben gläsernen Prunkbauten von heute. Dort stehen Kirchen diverser orthodoxer Glaubensrichtungen neben Synagogen und Moscheen. Wer zudem vom Berg mit der Festung Narikala auf die Millionenstadt hinabblickt, bleibt mit den Augen unweigerlich an den beiden riesigen Metallröhren der Konzert- und Ausstellungshalle sowie an der futuristischen Friedensbrücke über den Fluss Mtkvari hängen.

    Typischer Straßenstand mit Tschurtschchelas, jenem landestypischen Konfekt, das an Fäden aufgehängt wird. Tschurtschchelas bestehen aus Nüssen oder Früchten, die in Traubensaft getaucht und dann getrocknet werden. Foto: Jürgen Haug-Peichl
    Solche Rostbeulen aus Sowjetzeiten sieht man in Georgien häufig. Die Menschen nutzen sie mittlerweile weniger für Ausfahrten, sondern als Lastenfahrzeuge. Foto: Jürgen Haug-Peichl

    Beides sind Zeugnisse einer Zeit, in der sich Georgien gerade unter Präsident Michail Saakaschwili (2004 bis 2013) in die Moderne nach westlichem Vorbild katapultieren wollte. Redet man mit jungen Menschen wie der 33 Jahre alten Reiseleiterin Teia Kvaschilava, dann ist dieser Prozess ins Stocken geraten. Die Regierung Georgiens lehne sich derzeit zu sehr wieder an Russland an, bedauert sie. Die Parlamentswahl im nächsten Jahr werde hoffentlich einen Kurswechsel bringen.

    Von all dieser Politik unversehrt geblieben ist indes das Fundament der georgischen Volksseele, die Gastfreundschaft. Was man im Weinbaugebiet Kachetien auf besondere Weise erleben kann: Wer dort als Fremder in den Anlagen ein paar Weintrauben pflückt und dabei vom Winzer erwischt wird, sagt man, müsse mit einer "drakonischen" Strafe rechnen. Denn der Winzer lade den Fremden sofort zu sich nach Hause ein. Von dort komme man erst nach einer kostenlosen Übernachtung, viel Essen und mehreren Litern Wein wieder weg. Und wahrscheinlich mit viel Sympathie für dieses spannende Land.

    Hinweis der Redaktion: Unsere Autoren reisen gelegentlich mit Unterstützung von Fremdenverkehrsämtern und Tourismusunternehmen.

    Tipps zum Trip
    Anreise: Allein wegen der großen Entfernung, aber auch wegen komplizierter Grenzmodalitäten ist die Anreise über Land nicht zu empfehlen. Ein Direktflug zum Beispiel von München nach Tiflis dauert knapp vier Stunden. Lufthansa und andere Anbieter haben tägliche Verbindungen.
    Dokumente: Zu empfehlen ist ein Reisepass, da es mit einem Personalausweis mitunter zu Problemen bei der Einreise kommen kann. Der Pass sollte ab Einreisedatum noch mindestens sechs Monate gültig sein. Ein Visum für gängige Reisen ist nicht erforderlich.
    Art des Reisens: Individuelles Reisen ist möglich, aber wegen der lückenhaften Infrastruktur in Georgien beschwerlich. Bei Wanderungen im Kaukasus ist ein Führer zu empfehlen, was das Wegenetz oft nicht eindeutig ist. Vorsicht im Straßenverkehr: Selbst Fernstraßen sind häufig in einem miserablen Zustand. Und: Die georgische Fahrweise ist haarsträubend, die Unfallgefahr hoch. Indes gibt es eine Reihe von Anbietern mit geführten Touren, darunter das Bayerische Pilgerbüro in München. Es bietet auch 2020 unter anderem Wanderreisen im Kaukasus oder eine Kombi-Studienreise Georgien/Armenien an. Details: www.pilgerreisen.de
    Gesundheit: Besondere Impfungen sind nicht vorgeschrieben. Leitungswasser wird zum Trinken nicht empfohlen - was kein Problem ist, denn überall im Land kann man hervorragendes Mineralwasser kaufen. Die medizinische Versorgung kann außerhalb der Hauptstadt Tbilisi lückenhaft sein.
    Sicherheit: Georgien gilt als sicheres Reiseland. Der Zugang zu den abgespaltenen ehemaligen Kriegsregionen Südossetien und Abchasien ist nicht möglich. Laut Auswärtigem Amt herrscht dort in Grenznähe die Gefahr von Minen-Blindgängern. Alles in allem sei die politische Lage in Georgien stabil.
    Literatur: "Georgien - Unterwegs zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer" ist ein ausgezeichnet recherchierter Reiseführer (Trescher Verlag; 19,95 Euro), der alles Wissenswerte abdeckt. Empfehlenswert sind zudem die Informationen der Agentur Visit Georgia in Tbilisi, die  sich unter anderem für nachhaltigen Tourismus einsetzt und mit gut 100 Mitarbeitern für Reisende im Einsatz ist: www.visitgeorgia.ge (auch auf deutsch).

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