• aktualisiert:

    Nürnberg

    Bierstreit in Nürnberg: Wie viel Handwerk steckt im Bier?

    Die Nürnberger Brauerei Altstadthof will die Tucher-Brauerei vor Gericht dazu verdonnern, dem Verbraucher beim „Original Nürnberger Rotbier“ reinen Wein einzuschenken.
    In Nürnberg streiten sich derzeit eine kleine und eine große Brauerei vor Gericht darüber, wie viel Liebe, Tradition und Handwerkskunst im neuen „Original Nürnberger Rotbier“ der Tucher-Brauerei steckt.
    In Nürnberg streiten sich derzeit eine kleine und eine große Brauerei vor Gericht darüber, wie viel Liebe, Tradition und Handwerkskunst im neuen „Original Nürnberger Rotbier“ der Tucher-Brauerei steckt. Foto: Nikolas Pelke

    Noch Handwerk oder schon Industrie: In Nürnberg streiten sich derzeit eine kleine und eine große Brauerei vor Gericht darüber, wie viel Liebe, Tradition und Handwerkskunst tatsächlich im neuen „Original Nürnberger Rotbier“ der Tucher-Brauerei steckt. „Hier wird Tradition nur vorgetäuscht und der Verbraucher bewusst hinters Licht geführt“, sagt Reinhard Engel von der vergleichsweise kleinen Hausbrauerei in der Nürnberger Altstadt und erklärt, dass die zur „Dr. Oetker“-Gruppe gehörende Tucher-Brauerei auf dem Produkt seiner Meinung nach fälschlicherweise suggeriere, dass das „Original Nürnberger Rotbier“ wie in einer kleinen Manufaktur und nicht in einem großen Industriebetrieb hergestellt würde.

    Für Branchen-Insider könnte der Fall durchaus Beispielcharakter haben. Der amerikanische Craft-Bier-Hype habe die Kunden für geschmackvolle Biere sensibilisiert, sagt ein Kenner der Szene, der anonym bleiben will. In Deutschland hätten besonders die regionalen Brauereien von der Bier-Welle aus Amerika profitiert. Die Kaufentscheidung der Biertrinker falle seitdem wieder bewusster aus. Neben der regionalen Herkunft würden sich die Verbraucher besonders für Bierspezialitäten interessieren. Mit Bezeichnungen wie „Landbier“ würden die Brauereien versuchen, diese neuen Erwartungen der Kunden gezielt zu bedienen. Mit Biernamen wie „Kellerbier“ würden die Brauereien zudem versuchen, die diffusen Sehnsüchte der Verbraucher nach dem besonderen Geschmacks- und Qualitätserlebnis zu befriedigen. Insgesamt habe die Bier-Welle aus Amerika den kleineren Brauereien in „Bier-Schland“ sehr gut getan. „Die Kunden interessieren sich wieder für Bier. Das spielt besonders den regionalen Brauereien in die Karten.“

    Mit Kampfpreisen gegen die kleinen Brauereien 

    Mit regionalen Bieren kennt sich Georg Rittmayer von der gleichnamigen Brauerei in Hallendorf im oberfränkischen Landkreis Forchheim ebenfalls bestens aus. „Die Konzern-Brauereien versuchen den Privatbrauereien derzeit alles nachzumachen“, ist sich Rittmayer sicher, der Vorsitzender der Privaten Brauereien in Bayern ist. Mit Spezialbieren würden Massenhersteller wie Dr. Oetker mit einem Umsatz von zuletzt knapp 2,2 Milliarden Euro und bekannten Marken wie Jever oder Radeberger daran arbeiten, ihre angeschlagene „Industrie-Bier“-Reputation wieder aufzupolieren. „Mit romantischen Namen und idyllischer Werbung versuchen sich die Groß-Brauereien als nette Familienbrauerei von nebenan zu verkaufen“, erklärt Rittmayer weiter. Weil die Großen die Kleinen über den Geschmack nicht ärgern könnten, würden die Getränke-Konzerne probieren, den kleinen Brauereien mit Kampfpreisen das Wasser abzugraben.

    Der Verbraucher sollte die Werbung der großen Brauereien hinterfragen.
    Karl-Heinz Pritzl

    Reinhard Engel, der sich als genauso ehrgeiziger wie traditionsbewusster Braumeister auf die Fahnen schreibt, das historische Rotbier vor rund 20 Jahren in seiner Kleinstbrauerei im Schatten der Nürnberger Kaiserburg wieder aus der Versenkung geholt zu haben, strengt derzeit mit seiner kleinen Altstadthof-Hausbrauerei vor dem Amtsgericht Nürnberg-Fürth eine Unterlassungsklage gegen die Tucher-Brauerei an. Der Streit erinnert an den berühmten Kampf von David gegen Goliath. Konkret will Reinhard Engel vor Gericht durchsetzen, dass die Tucher-Brauerei auf die seiner Meinung nach „irreführende“ Herkunftsbezeichnung und Herstellungsbeschreibung verzichtet. Für Engel handelt es sich um einen Fall von „Craft-Washing“, indem ein Industriebetrieb sich durch geschickte Werbung den Anschein einer handwerklichen (Bier)Herstellung geben will. Tatsächlich setzt die Tucher-Brauerei in der Werbung für das neue Rotbier stark auf Handwerk und Tradition. Ein aktueller Kino-Werbefilm wirbt in bester Jack-Daniels-Manier für das Rotbier. Konkret moniert Reinhard Engel von der klagenden Hausbrauerei Altstadthof, dass die Tucher-Brauerei auf dem Etikett auf der Rückseite des Rotbier-Flaschenbieres wortwörtlich schreibt, dass das Rotbier im „Alten Sudhaus“ am Nürnberger Schillerplatz eingebraut wird.

    Vermählung mit dem besonderen Gerstensaft

    „Das sind Fake News“, glaubt Engel und ist sich stattdessen sicher, dass das Tucher-Rotbier nicht in der restaurierten Klein-Braustätte am Nürnberger Schillerplatz sondern im Fürther Großbetrieb hergestellt wird. Unstrittig ist, dass Tucher im Alten Sudhaus das Rotbier beispielsweise für die Gastronomie in schönen Holzfässern abfüllt. Strittig ist wohl „nur“, ob das für den Massenmarkt bestimmte und in Flaschen abgefüllte Rotbier nicht aus dem Großbetrieb in der Tucherstraße in Fürth kommt. Auf den Rotbier-Flaschen wird dem Kunden versprochen, dass das Rotbier mit im Eichholzfass gereiftem Rotbier „veredelt“ würde. Wie viel Tropfen von diesem besonderen Eichenholz-Gerstensaft am Ende tatsächlich mit dem normalen Rotbier „vermählt“ werden dürfen, verrät die Tucher-Brauerei allerdings nicht. Zum laufenden Rechtsstreit will sich die Nürnberger Groß-Brauerei ebenfalls nicht äußern.

    „Der Verbraucher sollte die Werbung der großen Brauereien hinterfragen“, findet Karl-Heinz Pritzl von der Kauzen-Bräu im unterfränkischen Ochsenfurt und empfiehlt den Biertrinkern, der „Lieblings-Brauerei“ einfach mal persönlich einen Besuch abzustatten. Die großen Konzerne würden versuchen, den Bier-Markt an sich zu reißen und den regionalen Brauereien das Leben schwer zu machen. „Bei uns braucht keiner die ,Fernseh-Biere` - in Franken sowieso nicht“, findet Pritzl und hinterfragt den ökologischen Nutzen, die Biermassenware per Lastwagen quer durch die Republik zu kutschieren. „Richtige Bierkenner trinken Bier aus der Region“ ist sich der Chef der unterfränkischen Kauzen-Bräu sicher.

     

    Erfahren Sie jeden Donnerstag, was Sie über Mainfrankens Wirtschaft wissen sollten:
    jetzt ImPlus-Newsletter abonnieren!

    Kommentare (1)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!