• aktualisiert:

    „Der Meister steht für Qualität“

    Internationale Handwerksmesse IHM
    Ein Steinbildhauer bearbeitet auf der Internationalen Handwerksmesse ein Stück Stein mit einem Fäustel und einem Beizeisen. Thema auf der Messe ist auch die Rückkehr zur Meisterpflicht. Foto: Lino Mirgeler, dpa

    München Angesichts des Lehrlingsmangels in Ausbildungsberufen hat die IG BAU jetzt verpflichtende Schulpraktika im Handwerk gefordert. Digitalisierung, Fachkräftemangel und eine sich abschwächende Konjunktur: Das sind die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen der Zunft. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer hält das Handwerk dennoch für eine Jobversicherung.

    frage: Tablets und Drohnen auf der Baustelle, philosophierende Bestattungsunternehmer – Handwerk ist nicht mehr das, was es mal war. Sie haben deshalb ihre Imagekampagne in diesem Jahr unter die Leitfrage „Ist das noch Handwerk?“ gestellt. Was wollen Sie erreichen?

    hans Peter Wollseifer: Wir wollen die Modernität, die Innovationskraft und Vielseitigkeit des Handwerks darstellen. Das Handwerk ist keineswegs rückständig und schlecht bezahlt, wie es in vielen Klischees dargestellt wird. Das Gegenteil ist der Fall. Das Handwerk ist modern, innovativ, es bietet attraktive Karrieren, es ist eine Jobversicherung – und im Handwerk kann man gutes Geld verdienen.

    „Ist das noch Handwerk?“ fragen sich allerdings auch manche Kunden, wenn sie vor dem stehen, was ihnen da gerade eingebaut oder repariert wurde. Die Auftragsbücher sind voll, das erzeugt gleichzeitig Druck, auch, weil die Mitarbeiter fehlen. Nimmt da der Pfusch automatisch zu?

    Wollseifer: Die Betriebe stehen mit Sicherheit unter Druck, viele arbeiten an ihren Kapazitätsgrenzen. Es gibt im Durchschnitt Arbeitsvorläufe von neun bis zehn Wochen, in Bereichen wie dem Bau oder Ausbau auch länger. Den Betrieben ist es natürlich unangenehm, wenn sie ihre Kunden warten lassen müssen. Aber wie sollen sie Aufträge rasch erledigen, wenn ihnen die Mitarbeiter fehlen. Wir haben eben den Fachkräftemangel. Der führt sogar teils dazu, dass mancher Auftrag gar nicht angenommen werden kann. Dass deshalb aber nun besonders viel Pfusch entsteht, das ist nachweislich nicht der Fall. Das versichern uns auch die Sachverständigen im Handwerk. Ursache von – wie Sie sagen – Pfusch ist in vielen Fällen, dass da Unqualifizierte gearbeitet haben. Und dass inzwischen so viele handwerklich gar nicht Ausgebildete unterwegs sind, das ist Folge der Deregulierung im Handwerk, bei der für 53 Gewerke die Meisterpflicht abgeschafft wurde.

    Würde es im Sinne von mehr Qualität grundsätzlich helfen, die Meisterpflicht wieder einzuführen?

    Wollseifer: Wir sind ganz klar für diese Zugangsregelung und sollten sie, wo immer das möglich ist, auch wieder einführen. Denn damit würde man sicherstellen, dass jeder Qualifizierung und Qualität nachweisen muss, um sich selbstständig zu machen. Das hat übrigens auch was mit dem Schutz unseres Kulturguts zu tun. Sie könnten sich zum Beispiel von heute auf morgen zum Orgelbauer erklären und dann auch als solcher arbeiten. Sie wüssten nichts darüber und könnten natürlich nix, ich auch nicht – aber Sie könnten es tun. Mehr Qualität bekommen wir – wie gesagt – nur mit einer Zugangsregulierung, sprich: der Meisterpflicht.

    Bildungsministerin Karliczek fordert den Berufsbachelor und den Berufsmaster. Ich musste lachen, als ich das gehört habe. Sie auch?

    Wollseifer: Ich gestehe: Im ersten Moment musste auch ich lachen und habe gedacht, das geht ja gar nicht. Aber natürlich ist es wünschenswert, wenn es im Handwerk Berufsabschlussbezeichnungen gibt, die eine Vergleichbarkeit mit akademischen Titeln und auch international ermöglichen. Allerdings sind die Wortschöpfungen Berufsbachelor und Berufsmaster dafür wenig geeignet, die halten wir für irreführend. Das habe ich Frau Karliczek und der Kanzlerin auch gesagt. Wir haben uns darauf geeinigt, lediglich eine Ergänzung einzuführen, um die Gleichwertigkeit der akademischen und der beruflichen Ausbildung nach außen hin zu dokumentieren.

    Sie sind zusammen mit BDI, BDA und DIHK Partner der Gründungsoffensive von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Wie läuft das Projekt eigentlich? Nach der Auftakt-Pressekonferenz Ende November war nichts mehr zu hören.

    wollseifer: Daraus geworden ist, dass nun, wie es verabredet war, in Regionalkonferenzen landesweit die Werbetrommel für Selbstständigkeit, Gründungsmut und Unternehmertum gerührt wird. Bei der ersten Mitte Februar mit Bundeswirtschaftsminister Altmaier in der Handwerkskammer Saarbrücken ging es darum, wie Gründungen und Nachfolgen noch besser unterstützt werden können, damit Menschen in Deutschland den Schritt in die Selbstständigkeit gehen. Das korrespondiert mit unseren eigenen Bemühungen, denn schließlich müssen in den kommenden Jahren bis zu 200 000 Betriebsnachfolgen geregelt werden.

    Der Fachkräftemangel ist ein Dauerthema, Flüchtlinge könnten zur Entspannung der Lage beitragen. Sie haben sich bereits dafür ausgesprochen, gut integrierten Flüchtlingen eine Bleibeperspektive zu bieten, das läuft auf den sogenannten Spurwechsel für abgelehnte oder geduldete Asylbewerber hinaus. Wird es nicht langsam Zeit, dass die Bundesregierung diesbezüglich zu einer Entscheidung kommt?

    Wollseifer: Nein, wir sind nicht generell für den Spurwechsel. Da muss man schon klar trennen zwischen Asyl und Zuwanderung. Wofür wir uns aber eingesetzt haben und es auch ausdrücklich befürworten, das sind Bleiberechtsregelungen für diejenigen, die bereits im Land sind und für die sich unsere Betriebe engagiert und bemüht haben. Wer eine Ausbildung macht oder einen Beruf ausübt, wer seinen eigenen Lebensunterhalt bestreitet und integrationswillig ist, der soll auch hierbleiben dürfen. Unsere Betriebe sind in der Regel sehr zufrieden mit Flüchtlingen und Geduldeten in Ausbildung und Beschäftigung. Solche Menschen, die eine Ausbildung nach unseren Maßstäben gemacht und dann noch zwei Jahre gearbeitet haben, wieder zurückzuschicken, das wäre doch wirtschaftlich unsinnig und für die Menschen selbst eine humanitäre Katastrophe. Die jetzt von Union und SPD im Entwurf vorgelegte Bleiberechtsregelung würde uns reichen. Allerdings auch nur, wenn sie aus dem Parlament auch so herauskommt, wie sie hineingegangen ist. Darauf drängen wir jetzt.

    Viele der ZDH-Mitglieder sind ja froh, dass sie in Ballungsräumen überhaupt noch mit dem Diesel-Lieferwagen zur Baustelle fahren dürfen. Sind Sie eigentlich zufrieden mit dem Tempo, dass die Bundesregierung bei der Lösung des Problems von drohenden Fahrverboten an den Tag legt?

    Wollseifer: Das Handwerk steht zum Klimaschutz und einer vernünftigen Luftreinhaltepolitik, gar keine Frage. Es gibt keine Energiewende und auch keine Mobilitätswende ohne das Handwerk. Dafür erwarten wir aber praxistaugliche und pragmatische Lösungen von der Politik zur Schadstoffreduzierung und zum Diesel. Es darf nicht sein, dass wir Handwerker, die wir in gutem Glauben in die Produktversprechen und die gesetzlichen Regelungen Dieselfahrzeuge gekauft haben, letztlich die Dummen sein sollen, die die Zeche zahlen. Das können wir nicht akzeptieren.

    Und das bedeutet was?

    Wollseifer: Alle Fahrzeuge unter 2,8 Tonnen sind von einer Förderung der Nachrüstung ausgeschlossen, beispielsweise Kombis. Das gilt auch für Lkw über 7,5 Tonnen, die gerade in Baugewerken, bei Gerüstbauern oder Dachdeckern zum Einsatz kommen. Die vorgesehene Förderung der Nachrüstung durch die Bundesregierung reicht also nicht. Im Übrigen sollten zur finanziellen Unterstützung auch die mit ins Boot geholt werden, die das Problem verursacht haben. Außerdem ist das ganze Antragsverfahren zu umständlich. Die Förderanträge erfordern viel zu viel Aufwand. Wir sollen zum Beispiel nachweisen, dass wir in einer Fahrverbotszone tätig sind. Das geht nur mit einem Extra-Fahrtenbuch: Da stelle man sich einmal eine Bäckerei mit 20 oder 30 Auslieferungsfahrzeugen vor. Die müssten dafür extra Leute einstellen. Einzelkunden müssten uns unterschreiben, dass wir bei ihnen waren, und was wir gemacht haben. Das ist ja wohl kaum mit dem Datenschutz vereinbar. Wir haben die Bundesregierung aufgefordert, darüber nachzudenken. Das gilt auch für den Plan, bis Ende Mai den maximalen Förderbetrag bereits abzusenken. Das ist doch viel zu früh.

    Hans Peter Wollseifer

    ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer, 1955 geboren in Hürth, hat 1976 im Alter von 20 Jahren die Meisterprüfung im Maler- und Lackiererhandwerk abgelegt. Im Juli 1976 übernahm er dann den elterlichen Betrieb, baute ihn aus und gründete weitere Unternehmen. Seit Mai 2010 ist Wollseifer Präsident der Handwerkskammer zu Köln. 2014 wählte ihn der ZDH zum Präsidenten. (afk)
    Hans Peter Wollseifer Foto: dpa

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!