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    Schweinfurt

    In Mainfranken gibt es immer weniger Unternehmer

    Das eigene Unternehmen in andere Hände geben, ist ein sensibler Schritt. Und in Mainfranken zudem ein heikles Thema: Es fehlen Nachfolger. Foto: Getty Images

    Die deutschen Wirtschaftsunternehmen haben Sorgen. Die momentan größte scheint zumindest bei den mittelständischen Betrieben die um einen geeigneten Nachfolger zu sein. Deshalb lud die Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt zu einer "Nachfolgetagung" ein.

    Schweinfurts stellvertretender Landrat Peter Seifert brachte es gleich zu Beginn auf dem Punkt: "Im Jahr 2035 wird es in Unterfranken 5000 Firmeninhaber weniger geben." Das habe Folgen für die Wirtschaft in der Region: Nicht nur Arbeits- und Ausbildungsplätze fielen weg, sondern auch wichtige Versorgungsfunktionen gerade in den ländlichen Gebieten.

    Wie kann die Unternehmensübergabe gelingen? Diesem Thema widmeten sich (von links) Steuerberater Rüdiger Pickel, stellvertretender Landrat Peter Seifert, Kai Vedder, Lilian Graser, Caroline Trips, Sparkassenvorstand Berthold Stahl, IHK-Bereichsleiter Sascha Genders und Moderator Frank Müller. Foto: Ursula Lux

    Das ganze Ausmaß der anstehenden Veränderungen machte der IHK-Bereichsleiter für Standortpolitik, Existenzgründung und Unternehmensförderung, Sascha Genders, deutlich. Es gebe bei der Unternehmensnachfolge große Probleme, Angebot und Nachfrage in Mainfranken in Einklang zu bringen.

    Wie sehr die Quoten kleiner geworden sind

    Noch 2009 habe, rein statistisch gesehen, jeder Unternehmer die Auswahl zwischen zwei interessierten Nachfolgern gehabt. Im Jahre 2015 lag diese Quote nur noch bei 0,6 potentiellen Nachfolgern, so Genders. Der Gewerbebestand schwinde, immer weniger Menschen wagten den Schritt in die Selbständigkeit.

    Allein in der Stadt Schweinfurt sei die Zahl der Unternehmen in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich zurückgegangen - im ersten Halbjahr 2018 zum Beispiel um 30 Firmen. Für das Jahr 2037 sagte Genders neun Prozent weniger Unternehmen in der Region voraus.

    Nur vier von zehn Unternehmern finden einen Nachfolger

    Zudem steige permanent das Durchschnittsalter der Unternehmer. Die Zahl der Firmeninhaber über 67 Jahre nehme zu, alle anderen Altersgruppen würden weniger. Dabei suchten neun von zehn Firmenchefs mögliche Nachfolger, aber nur vier von zehn haben einen solchen gefunden.  Genders warnte: Manchmal trete auch ein Notfall ein und die Firma müsse schnell in neue Hände. Das komme in 14 Prozent der Fälle vor. Aber die Hälfte der Unternehmen habe für so einen Fall nicht vorgesorgt, keinen "Notfallkoffer".

    Dazu passt der Werdegang von Caroline Trips (Trips GmbH, Grafenrheinfeld bei Schweinfurt). Quasi über Nacht wurden sie und ihr Bruder in die Verantwortung geworfen worden, damals 22 und 23 Jahre alt. Die Eltern waren bei einem Unfall gestorben.

    Der Fall Trips: Wie wichtig ein Notfallkoffer ist

    "Gott sei Dank waren wir jung und kannten die Risiken nicht", sagte Caroline Trips bei dem IHK-Treffen. Sie habe heute den "Notfallkoffer" für eine Betriebsübergabe, der damals fehlte. Und dieser Koffer werde spätestens alle zwei Jahre angepasst.

    Nach Ansicht von Rüdiger Pickel ist Unternehmensnachfolge "steuerlich ein sehr brisantes Thema". Der Steuerberater und Partner bei Pickel Partner Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwälte in Schweinfurt, führte durch den Dschungel der Steuervorschriften. Sein Resümee: "Planen sie fünf bis sieben Jahre Vorbereitungszeit für eine Übergabe ein. Sprechen sie das Thema Nachfolge in der Familie offen an. Wenn kein  Familienmitglied übernehmen will, muss rechtzeitig gesucht werden."

    Was ein Steuerberater rät

    Pickels Ratschläge: Mit einem Steuerberater sollte der Unternehmenswert festgelegt werden, die Rechtsform des Unternehmens auf den Prüfstand kommen, Betriebsgrundlagen eventuell ausgegliedert, ebenso wie Gesellschafts- oder Erbverträge überprüft werden.

    "Von den Fakten zu den Geschichten" führte Moderator Frank Müller in einer Podiumsdiskussion mit Unternehmern und einem Vorstandsmitglied der Sparkasse Schweinfurt/Haßberge. Für Lilian Graser (Chemisches Labor Dr. Graser KG, Schonungen bei Schweinfurt) gab es nie Zweifel, in die eigene Firma zu gehen.

    Wie weitere Fälle aussehen können

    Graser war nach eigenen Worten vier Jahre alt, als ihre Mutter das Unternehmen gründete und sei "so reingewachsen".  Gemeinsam mit Mutter und Bruder führt sie heute die Firma. "Mit anderen Herangehensweisen, unterschiedlichen Vorstellungen und auch mal heftigen Diskussionen", aber man begegne sich auf Augenhöhe und akzeptiere bestimmte Spielregeln.

    Kai Vedder von der Translog Transport und Logistik GmbH in Schweinfurt entschied sich, gemeinsam mit dem Vater die Firma zu führen - weil er unter anderem gesehen habe, wie froh die Mitarbeiter seien, dass die Firma sozusagen in der Familie bleibt.

    Berthold Stahl (Sparkasse Schweinfurt/Haßberge) betonte, wie wichtig es für Banken sei, Firmen in der Region zu halten. Die Sparkasse versuche, mögliche Nachfolger mit übergabewilligen Unternehmen zusammenzubringen.

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