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    Würzburg

    Mindestvergütung für Azubis sorgt für geteilte Meinungen

    Auszubildende im Schornsteinfegerhandwerk zum Beispiel erhalten vergleichsweise geringen Lohn. Sie könnten von der geplanten Mindestvergütung profitieren. Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

    Eine bessere Bezahlung für duale Auszubildende: Das soll eine Änderung des Berufsbildungsgesetzes ab Januar 2020 sicherstellen. Auszubildende, die dann eine Lehre beginnen, sollen im ersten Jahr eine Mindestvergütung von 515 Euro erhalten. Bis 2023 sollen Auszubildende im ersten Lehrjahr dann mindestens 620 Euro bekommen. Auch die Löhne im zweiten und dritten Jahr steigen schrittweise. Diese Pläne haben in Mainfranken indes ein geteiltes Echo ausgelöst.

    "Die meisten Lehrlinge im bayerischen Handwerk erhalten derzeit bereits eine Ausbildungsvergütung, die über den 515 Euro liegt", sagt der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken, Ludwig Paul. Am schlechtesten verdienen Auszubildende laut dem Datenreport 2019 des Bundesinstituts für Berufsbildung im Handwerk: Durchschnittlich 769 Euro kriegen Azubis in der Branche bundesweit, also deutlich mehr als die neue Mindestvergütung vorsieht.

    Kein Thema in Industrie und Handel

    Ausnahmen darf es aber weiterhin geben: Denn Tarifverträge haben Vorrang vor der Mindestvergütung. Das bedeutet, wenn ein Tarifvertrag eine geringere Vergütung der Auszubildenden vorsieht, ist das auch weiterhin erlaubt.

    "Die gesetzliche Festschreibung dieses Tarifvorrangs ist aus unserer Sicht klar positiv zu bewerten", so Paul von der Handwerkskammer. Damit soll gesichert werden, dass sich auch kleinere Betriebe Azubis leisten können. Denn vor allem in der geplanten Steigerung der Mindestvergütungen bis 2023 sieht er ein Problem: "Diese künftigen Erhöhungen erfolgen völlig losgelöst von der allgemeinen Konjunktur- und Einkommensentwicklung und können insbesondere kleine Handwerksbetriebe deutlich belasten."

    Im Gegensatz zum Handwerk wird die neue Regelung in der mainfränkischen Industrie keine Auswirkungen haben. "Kein einziger Betrieb, der bei der IHK eingetragen ist, kommt auch nur in die Nähe der Mindestvergütung", sagt Max-Martin Deinhard, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt. Die Auszubildenden in der Industrie würden deutlich besser verdienen. Dennoch begrüßt er, dass es eine Mindestvergütung geben soll. "Denn das stärkt die Attraktivität der dualen Ausbildung."

    Mindestvergütung kein Problem für Friseure und Raumausstatter

    Gottfried Krauß von der Innung der Raumausstatter hat jedoch Zweifel, ob die Mindestvergütung das schaffen kann. "Wegen rund hundert Euro im Monat mehr wird sich, denke ich, niemand für die Ausbildung entscheiden", vermutet der Obermeister aus Obereisenheim (Lkr. Würzburg). Er hält andere Aspekte für wichtiger, um wieder mehr junge Leute ins Handwerk zu bringen. Zum Beispiel sollte die Ausbildung interessanter gestaltet werden.

    Raumausstatter-Azubis verdienen derzeit monatlich 480 Euro im ersten Lehrjahr. Im zweiten sind es 550 Euro, im dritten 650 Euro. Damit liegen sie unter der geplanten Mindestvergütung. Neu abgeschlossene Ausbildungsverhältnisse müssen ab 2020 also mit mindestens 515 Euro vergütet werden. Da der Unterschied zur derzeitigen Vergütung jedoch gering ist, sieht Krauß keine großen Probleme auf die Betriebe zukommen.

    Ein Handwerksberuf, der immer wieder in Verbindung mit niedrigen Löhnen gebracht wird, ist der des Friseurs. Auszubildende verdienen in Unterfranken momentan 500 Euro im ersten Lehrjahr bei einer 39-Stunden-Woche, bis zum dritten Jahr steigt der Betrag auf 745 Euro. Ab August 2019 liegt das tarifliche Einstiegsgehalt bei 515 Euro.

    Margit Rosentritt vom Salon Extralocke in Schweinfurt ist Obermeisterin der Schweinfurter Friseurinnung und bestätigt, dass sich die Vorurteile von der schlechten Bezahlung hartnäckig halten. "Das bundesweite Durchschnittsgehalt wird durch die ostdeutschen Bundesländer nach unten gezogen", erklärt sie einen möglichen Grund für das Image des Berufs. In Ostdeutschland seien die Ausbildungsgehälter noch immer deutlich geringer, in Bayern gebe der Tarifvertrag jedoch deutlich höhere Vergütungen vor.

    Verdi begrüßt die neue Regelung

    "Wir sind klar dafür", sagt Pressesprecher Hans Sterr von Verdi Bayern zur Neuregelung der Mindestvergütung. Doch die Schwelle sei aus Sicht seiner Gewerkschaft viel zu niedrig.

    Ab 2023 soll der Lohn laut der Novelle des Bundesbildungsgesetzes im ersten Lehrjahr 620 Euro betragen. "Das wäre der Wert, den wir als Einstiegsgröße für 2020 für angemessen gehalten hätten", erklärt Sterr. Doch auch er sieht das Gehalt nicht als Allheilmittel, um die duale Ausbildung attraktiver zu machen. "Es ist ein Baustein, aber wichtig sind auch die Arbeitsbedingungen in den Betrieben, ob die Berufe zukunftsfähig sind oder welche Möglichkeiten zur Weiterbildung es gibt."

    Dass es jetzt zu einer politischen Lösung kommen musste, hält er für ein hausgemachtes Problem der Arbeitgeber. "Wenn es zu keiner Einigung zwischen den Tarifpartnern kommt, muss eben die Politik ran", so Sterr. Ein großes Problem sei, dass immer mehr Betriebe aus dem Tarifbereich in den sogenannten OT-Bereich, also ohne Tarif, gewechselt seien. Auch diese Unternehmen müssen in Zukunft ihren Azubis die Mindestvergütung zahlen. "Dort, wo nach Tarif bezahlt wird, gibt es das Problem nicht, da sind die Löhne ohnehin höher", erklärt Sterr. Doch Bayern sei inzwischen mit gerade einmal 53 Prozent eines der Schlusslichter bei der Tarifbindung.

     

    Wie wichtig das Gehalt für Auszubildende ist

    Anna-Lena Lesch Foto: Anna-Lena Lesch

    Anna-Lena Lesch (19), Ausbildung zur Schornsteinfegerin bei Arno Bauer in Margetshöchheim:

    "Ich bin sehr froh mich für diese Ausbildung entschieden zu haben, da ich täglich neue Leute kennen lerne und die Arbeit auch nie die gleiche ist. Das Geld hat hierbei bei mir nicht wirklich eine Rolle gespielt, sonst hätte ich die Ausbildung wahrscheinlich auch nicht angefangen. Denn im ersten Lehrjahr habe ich mit circa 450 Euro netto angefangen, mittlerweile, im dritten Lehrjahr, bekomme ich circa 600 Euro im Monat. Ich fände eine Mindestvergütung sehr gut, da wir einerseits sowieso sehr wenige Auszubildenden sind, weil die Industrie natürlich besser bezahlt. Zudem tragen wir aber auch als Lehrlinge schon eine große Verantwortung."

    Athraa Manosha (18), Ausbildung zur Friseurin beim Salon Extralocke in Schweinfurt:

    Athraa Manosha Foto: Salon Extralocke

    "Als ich klein war, habe ich schon davon geträumt, Friseurin zu werden. Mit 15 habe ich eine Ausbildung angefangen und bin sehr glücklich, meinen Traum zu verwirklichen. Viele sagen: Da verdient man nicht viel. Ich habe nicht auf das Geld geachtet. Ich wollte etwas lernen, was mir Spaß macht, und wo ich mich freue, zur Arbeit zu gehen. Mit dem Geld komme ich klar, wir bekommen zusätzlich auch Trinkgeld und für das Haaremachen muss ich auch nichts bezahlen."

    Finanzielle Unterstützung für Auszubildende
    Berufsausbildungsbeihilfe (BAB): Das BAB zahlt die Agentur für Arbeit, wenn Auszubildende während einer dualen Ausbildung nicht bei den Eltern wohnen und der Ausbildungsbetrieb nicht in angemessener Zeit erreicht werden kann. Auszubildende, die über 18 Jahre alt sind, erhalten die Beihilfe auch, wenn sie theoretisch zuhause wohnen könnten. Azubis, die eine schulische Ausbildung machen, zum Beispiel zum Physiotherapeut, bekommen keine BAB, sondern Ausbildungs-Bafög.
    Ausbildungs-Bafög: Die Unterstützung richtet sich an alle, die eine schulische Ausbildung machen (also Vollzeit zu einer Berufsfachschule gehen). Azubis müssen dafür jünger als 30 Jahre sein und die erste Ausbildung absolvieren. Im Unterschied zum Bafög für Studenten müssen Auszubildende das Geld nicht zurückzahlen.
    Kindergeld: Das Kindergeld wird regulär bis zum 18. Geburtstag gezahlt. Bei einer Ausbildung kann das Kindergeld bis zum 25. Lebensjahr weiter gezahlt werden.
    Quelle: Bundesagentur für Arbeit

    So viel verdienen Azubis der zehn beliebtesten Ausbildungsberufe

     
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