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    Würzburg

    Warum Arcus den Bogen raus hat

    In der Würzburger Dürrbachau wird ein außergewöhnliches Produkt für professionelle Musiker fabriziert. Extrem dünnwandige Kohlefaserbögen für Streichinstrumente gehen von hier aus in die ganze Welt. "Arcus" heißt die Firma, die von Bernd Müsing gegründet wurde. 2019 feiert sie 20 Jahre alt.

    Alles begann damit, dass Müsing mit der Qualität der Bögen, die man normalerweise zum Geigenspiel verwendet, nicht zufrieden war. "Sie waren mir zu schwer", sagt der 55-Jährige, der mit zwölf Jahren das Geigenspiel erlernte. 1994 machte er sich daran, den traditionellen Geigenbogen "komplett neu zu denken".

    Arcus-Chef tüftelte vier Jahre lang

    Zusammen mit einem Freund tüftelte er vier Jahre lang an der Idee, einen Geigenbogen aus Kohlefaser zu konstruieren. Was kniffelig war: "Im Sommer 1999 verkauften wir schließlich unsere ersten Bögen." Das nimmt Müsing als Gründungsdatum seiner Manufaktur "Arcus", die aus der "Garagenwerkstatt" heraus entstand.

    Der Arcus-Bogen ist so ungewöhnlich wie sein Erfinder. Wie so viele kreative Geister hat Müsing keinen geradlinigen Lebenslauf. Er selbst bezeichnet sich als "Renaissance-Menschen" - also als Allrounder mit ganz verschiedenen Talenten. Als Technikfreak ist Müsing von einem chronischen "Optimierungszwang" besessen: "Ich denke selbst beim Spülmaschineneinräumen darüber nach, wie man das besser machen könnte." Müsing liebt klassische Musik, spielt Schach und besitzt einen Pilotenschein.

    Dass der Arcus-Bogen etwas Besonderes ist, bestätigen Stefan und Petra Kuhn, beide Erste Geiger im Philharmonischen Orchester Würzburg. Die Profimusiker schätzen Müsings Bogen, weil er so leicht ist. Holzbögen bringen etwas über 60 Gramm auf die Waage, erklärt Stefan Kuhn: "Mein Bogen von Müsing wiegt nur 45 Gramm." Dies sei eine deutliche Entlastung, die vor allem beim Tremolo-Spiel spürbar wird. Dabei wird der Arm sehr schnell hin und her bewegt.

    Was Musiker über den Kohlefaser-Bogen sagen

    Das Geigenspiel klinge mit dem Arcus-Bogen auch anders, sagt Kuhn. Dies stellte sich vor wenigen Jahren bei einem Test mit dem gesamten Orchester in der Würzburger Musikhochschule heraus: "Wir spielten ein Streicherstück einmal mit Holz und einmal mit Carbonbögen." Der "Carbon-Klang" sei tatsächlich anders gewesen: "Er war viel transparenter."

    Dennoch ist es bis heute üblich, Bögen für Geigen, Bratschen oder Kontrabässe aus Holz zu fertigen. Dazu wird ein besonderes Material verwendet: Fernambukholz. Das stammt aus dem brasilianischen Regenwald und ist, was Gewicht, Flexibilität und Festigkeit anbelangt, einzigartig. Wegen der intensiven Abholzung der Regenwälder steht der Fernambukbaum allerdings seit 1998 auf der Roten Liste. Bald werden die Vorräte für den Bogenbau aufgebraucht sein.

    Die Sache mit dem Regenwald - und die Folgen für Arcus

    Der ökologische Faktor war für Müsing ein - allerdings kleiner - Antrieb für die Entwicklung des Arcus-Bogens. In erster Linie ging es ihm darum, einen Bogen zu entwickeln, der für einen besseren Klang sorgt, der bessere Spieleigenschaften hat und so leicht ist, dass sich Schmerzen beim Spielen vermeiden lassen. "Was wir hier bauen, befindet sich an der Grenze dessen, was technisch überhaupt möglich ist", sagt er.

    Ein Geigenbogen muss für Müsing eine Art verlängerter Arm sein: "Er sollte zum Spieler mindestens so gut passen wie eine Brille." Auch die wurden mit den Jahren immer leichter. Und sind inzwischen so optimiert, dass der Träger meist vergisst, dass sie auf seiner Nase sitzt. Auch der Geigenbogen sollte nicht deutlich spürbar sein, sondern sozusagen mit der Hand verschmelzen.

    "Es braucht Jahre, bis man den Job hier kann."
    Arcus-Chef Bernd Müsing

    14 Menschen sind inzwischen bei "Arcus" beschäftigt, darunter ein Goldschmied, zwei Zahntechniker, ein Modedesigner und ein Flugzeugmechaniker. Einer hat, wie Müsing, ein abgebrochenes Maschinenbaustudium hinter sich. Alle bringen nur in bescheidenem Umfang das mit, was Müsing an Kompetenzen benötigt. Aber er kann auch nicht erwarten, das jemand bei ihm anfängt und weiß, wie man Carbonbögen herstellt. Es gibt zwar den Beruf des Bogenbauers. Doch Müsings Bögen werden komplett anders gefertigt: "Es braucht Jahre, bis man den Job hier kann."

    Sich am Markt durchzusetzen, war und ist nicht leicht. Denn Musikinstrumente und damit auch Bögen haben ein Image, das sich Modernisierungen regelrecht verschließt. Je älter eine Geige ist, als umso wertvoller wird sie angesehen. Das gilt auch für Bögen: "Es gibt alte Bögen, die für eine Viertelmillion versteigert werden." Wobei Preis und Qualität deutlich auseinanderdriften. Kohlefaserbögen, ist Müsing überzeugt, sind besser: "Doch der Musikmarkt ist einfach verrückt."

    Wie die Zukunft aussehen könnte

    Wo sieht sich Bernd Müsing in zehn Jahren? Wahrscheinlich werde sich dann seine Belegschaft verdoppelt haben, meint er. Dann ist der Self-Made-Unternehmer womöglich Chef von 30 Männern und Frauen. Und statt bislang 1000 Bögen im Jahr werden vielleicht 2000 oder 3000 hergestellt. Der Umsatz liegt aktuell bei einer Million Euro.

    Müsings Kunden sitzen in der ganzen Welt. Zum Kundenkreis gehören auch Musiker aus dem Philharmonischen Orchester Würzburg. Wobei die wenigsten Bögen in der Region verkauft werden. "Europa ist unser größter Markt", so der Bogenbauer. Aber auch nach Südafrika, in die USA sowie nach Asien werden Arcus-Bögen geliefert.

    Vor kurzem begann Müsing, ein zweite Produktpalette aufzubauen. Die "Müsing-Bögen" werden nach einem einfacheren technologischen Verfahren hergestellt, sind darum nicht ganz so hochwertig, aber dafür auch für Laienmusiker erschwinglich.

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