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    Würzburg / Münnerstadt

    Warum Müllfahrer jetzt Kreislaufpiloten sind

    Müllfahrer wie Marco Wirth in Würzburg nennen sich jetzt Kreislaufpiloten. Die Namensänderung soll das Image des Berufs heben und für Nachwuchskräfte sorgen. Foto: Thomas Obermeier

    Müllmänner sind populärer als Lehrer, Anwälte oder Manager. Was 2018 eine Forsa-Umfrage in der deutschen Bevölkerung ergeben hat, löst freilich ein Problem nicht: Den Müllunternehmen fehlen die Fachkräfte. Genauer gesagt: die Fahrer.

    Bundesweit fehlen 45 000 Fachkräfte

    Dieses Problem ist in der gesamten Transportbranche ein Dauerbrenner, die Klagen über einen Mangel an Berufskraftfahrern sind laut. Schätzungen zufolge fehlen bundesweit 45 000 solcher Fachkräfte.

    Die Misere im Blick, hat jetzt die Müllbranche im Freistaat einen außergewöhnlichen Schritt gemacht: Kurzerhand wurde die Berufsbezeichnung der Müllfahrer geändert, um ein ehrwürdigeres Image zu schaffen. Die Müllfahrer heißen jetzt Kreislaufpiloten. Die Idee stammt vom Verband der Bayerischen Entsorgungsunternehmen, kurz VBS.

    Mit einer Kampagne vor allem im Internet will der VBS auf die Vorteile des Berufs aufmerksam machen und seine Bedeutung für den Müllkreislauf unterstreichen. "Denn die offenen Stellen sind immer schwerer zu besetzen", teilte der Verband in München mit.  Ihm haben sich 128 Entsorgungsunternehmen in Bayern angeschlossen.

    Wie groß der Mangel ist, kann der Verband zwar nicht mit Zahlen belegen. Tatsache sei aber, "dass derzeit fast jede VBS-Mitgliedsfirma Fahrer sucht", teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. Viele Entsorgungsunternehmen wägten mittlerweile genau ab, um welche Aufträge sie sich wegen der begrenzten Fahrerkapazitäten überhaupt noch bemühen sollten.

    "Quelle Bundeswehr" ist versiegt

    Christine Seger bekommt in ihrem Transportunternehmen in Münnerstadt den Müllfahrer-Mangel zu spüren. Foto: Lisa Seger

    Die Seger Transporte GmbH & Co. KG in Münnerstadt (Lkr. Bad Kissingen) mit ihren 180 Beschäftigten zählt zu den VBS-Mitgliedsfirmen, die betroffen sind. "Die Not ist groß", sagt Firmenchefin Christine Seger über den generellen Mangel an Fahrern - vor allem im klassischen Transportbereich mit Fernfahrten. Früher habe die Bundeswehr noch Lkw-Fahrer ausgebildet, die nach der Wehrpflicht dann mit entsprechendem Führerschein den Unternehmen zur Verfügung standen. Doch mit Abschaffung der Wehrpflicht sei diese Quelle versiegt.

    Seger spürt die Folgen in der Müllentsorgung hautnah: 35 Fahrer beschäftigt sie dort derzeit, drei mehr könnte sie locker brauchen. Die bekommt sie aber kaum. Und das, obwohl Seger den Job am Lenkrad eines Mülllasters für "sehr attraktiv" hält. Feste Arbeitszeiten von 6 bis etwa 14 Uhr, keine Übernachtungen in der Fremde wie bei Fernfahrern, keinen Dienst am Wochenende: Der Beruf sei gut in Einklang zu bringen mit Freizeit und Familie.

    Da könnte man meinen, dass klassische Lkw-Fahrer in Scharen Kreislaufpiloten werden wollen. Tun sie aber nicht, meint Christine Seger. Grund: das Image. Denn für Fernfahrer etwa sei das kleinere Cockpit eines Mülllaster nicht das standesgemäße "Wohnzimmer des Truckers". Außerdem widerstrebe das Stop-and-Go bei Müllfahrten dem Rhythmus eines Fernfahrers. Vor diesem Hintergrund begrüßt Seger die Imagekampagne des VBS.

    Firmenchef Jürgen Fischer in Würzburg hebt die Verantwortung hervor, die ein Müllfahrer habe. Foto: Thomas Obermeier

    Das tut auch der Chef der Würzburger Karl Fischer & Söhne GmbH & Co. KG, Jürgen Fischer, wenngleich er derzeit keine Kreislaufpiloten sucht. "Aber das kann sich ja schnell ändern." Er beschäftigt 20 Fahrer, die unter anderem Altpapier und Gefahrgut-Abfall von Kunden in der Region holen oder zur Weiterverarbeitung bringen. Laut Fischer werden auf dem Firmengelände im Stadtteil Heidingsfeld 110 000 Tonnen Müll pro Jahr umgeschlagen.

    Marco Wirth ist einer der Fahrer von Fischer. Der 28-Jährige sieht die Hauptherausforderung in seinem Beruf, mit kniffligen Situationen im Verkehr klarzukommen. "Das Schlimmste sind die Fahrradfahrer", erinnert er sich an so manch gefährliche Begebenheit.

    Für Firmenchef Jürgen Fischer sind die Fahrer auch in anderer Hinsicht wichtig: Sie entscheiden beim Kunden, ob zum Beispiel Sondermüll richtig deklariert und ordentlich gesichert wurde - und ob er überhaupt transportiert werden darf. Aus diesem Grund müsse ein Fahrer die neun Gefahrgutklassen plus die entsprechenden Zeichen auf den Transportgefäßen kennen und stets ein strenges Auge auf die Sicherheit werfen.

    Ist alles ordentlich gesichert? Müllfahrer wie Marco Wirth müssen dafür ein Auge haben. Foto: Thomas Obermeier

    Unternehmerin Christine Seger in Münnerstadt sieht noch eine weitere Qualität, die ein Kreislaufpilot mitbringen muss: Wenn er mit Ladern unterwegs ist, trage der Fahrer die Verantwortung für das Team. Lader sind jene mitfahrenden Kollegen, die während der Touren vor allem für das Rangieren der Mülltonnen zuständig sind.

    Außergewöhnliches Selbstbewusstsein

    Seger hat bereits erlebt, dass der Mangel an Fahrern so manchen Zeitgenossen zu außergewöhnlichem Selbstbewusstsein treibt: "Für 4000 Euro fange ich bei Euch an", habe ihr mal ein Bewerber unverblümt gesagt. Darunter gehe nichts.

    Bei Seger verdienen die Kreislaufpiloten zwischen 2000 und 2400 Euro im Monat. Plus diverses Entgegenkommen: So bezahle sie angehenden Fahrern den Lkw-Führerschein, sagt Seger. Der koste gut und gerne 6000 Euro. Jürgen Fischer gibt nach eigenen Angaben seinen Fahrern im Schnitt 2900 Euro im Monat - plus diverse Zuschläge von bis zu 150 Euro.

    Um einen Fahrermangel von vornherein zu vermeiden, geht das Team Orange des Landkreises Würzburg einen eigenen Weg. Das öffentlich-rechtliche Müll-Unternehmen stellt nach Darstellung von Betriebsleiter Alexander Pfenning ausschließlich Lader ein, ebne ihnen dann aber je nach Eignung und Neigung den Weg zum Müllfahrer - unter anderem durch finanzielle Hilfe beim Erwerb des Lkw-Führerscheins. Ungefähr 80 Prozent der Lader würden so zu Kreislaufpiloten.

    Mit solchen Gefahrgutsymbolen müssen sich Müllfahrer auskennen. Foto: Thomas Obermeier

    Pfenning findet die neue Bezeichnung "Kreislaufpilot" passend. Denn der Fahrer brauche wegen der vielen Monitore im Führerhaus und der oft schwierigen Verkehrssituationen "eine hohe Konzentration" - wie ein klassischer Pilot eben.

    Ein bisschen wie ein Pilot fühle er sich durchaus, gibt Fischer-Fahrer Marco Wirth mit Stolz in der Stimme zu. Bis vor eineinhalb Jahren kannte er das Gefühl freilich noch nicht. Der gelernte Maler und Lackierer schulte um, weil er in diesem Beruf gemerkt hatte: "Das war's nicht mehr."

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