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    Würzburg

    Wenn der Berufsbachelor den Teig knetet

    Ein Bäckerlehrling ist, wenn er ausgelernt hat, künftig nicht nur Bäckergeselle. Nach der Berufsbildungsnovelle von Ministerin Anja Karliczek, CDU, darf sich der Mann auch "geprüfter Berufsspezialist fürs Bäckerei-Handwerk" nennen.  Foto: Franziska Koark, dpa

    Ein Bäckerlehrling ist, wenn er ausgelernt hat, künftig nicht nur Bäckergeselle. Er ist zusätzlich auch "geprüfter Berufsspezialist fürs Bäckereihandwerk". Und sollte der Geselle ehrgeizig sein und auch noch seinen Meister anstreben, wird er sich "Bachelor Professional im Bäckereihandwerk" nennen dürfen. Gleiches gilt für alle anderen Handwerksberufe. Die Gärtnermeisterin etwa hat künftig den "Bachelor Professional in Pflanzentechnologie". So will es Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, CDU, deren entsprechende Berufsbildungsnovelle vor einigen Tagen vom Bundeskabinett beschlossen wurde. 

    Nach der Berufsbildungsnovelle hat eine Gärtnermeisterin künftig den "Bachelor Professional in Pflanzentechnologie". Foto: Patrick Pleul, dpa

    Leser und User halten Neuerung für "blödsinnig" und "lächerlich"

    Die Neuerung werde "die Attraktivität" der beruflichen Bildung in Deutschland weiter steigern, erklärt die Ministerin. Dies sei vor allem dort wichtig, wo Fachkräftenachwuchs dringend gesucht werde. Aus Sicht von Karliczek macht die Berufsbildungsnovelle auch "transparenter", wie und ob sich ein Handwerker weitergebildet hat. Positiv sei auch, dass die Bezeichnungen "international verständlich" seien, heißt es aus Berlin. Spontane Reaktionen von Lesern oder Usern aus der Region auf die Nachricht von der Einführung der neuen Berufsbezeichnungen waren einhellig negativ. Von einem "blödsinnigen Vorschlag", sinnlosen "Amerikanismen" und einer "lächerlichen" Idee war die Rede. Aber wie sehen die Handwerker selbst die Neuerung?

    Man muss nicht alles ändern, was bewährt ist."
    Hermann Lang, Obermeister der Zimmererinnung für Würzburg und Kitzingen

    "Man muss nicht alles ändern, was bewährt ist", erklärt Hermann Lang, Obermeister der Zimmererinnung für Würzburg und Kitzingen. Zwar findet Lang, dass das Handwerk ein besseres Image verdient hätte und auch braucht - durch neue Namen aber werde das Image sicher nicht besser. Dem Image förderlicher seien Informationen darüber, was Handwerker wirklich leisteten. Der Obermeister verweist in diesem Zusammenhang auf originelle Ein-Mann-Theater-Aufführungen eines regionalen Zimmerers, der bei Berufsinformationstagen gemeinsam mit Schülern eine Holzbrücke ganz ohne Nägel und Schrauben baue. Solche Aktionen könnten den Nachwuchs für den Beruf begeistern, neue Namen täten dies nicht. 

    Auch Heinz Schuchbauer, Obermeister der Innung für Spengler, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik für Schweinfurt und Main-Rhön hält von der neuen Namensgebung nicht viel. "Das trägt nur zur Verwirrung bei", sagt er. Er könne dies aus eigener Erfahrung sagen: Als er den Beruf vor vielen Jahren gelernt habe, war er Gas- und Wasserinstallateur, heute trage er aber den Titel eines Fachmanns für Anlagenmechanik, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Für Kunden sei dies manchmal irritierend. Gerade werde diskutiert, ob man auch den "Spengler" umbenenne, berichtet Schuchbauer. Der neue Name werde dann sicher doppelt so lang wie der alte. 

    Nicht Namen, sondern Ausbildungsinhalte müssen vergleichbar sein
    Heinz Schuchbauer, Obermeister der Innung für Spengler, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik für Schweinfurt und Main-Rhön

    Die Argumentation der Bundesbildungsministerin, derzufolge man im Ausland  mit der neuen Berufsbezeichnung besser arbeiten könne, hält Schuchbauer für unsinnig. Der deutsche "Meister" sei im Ausland bekannt und geschätzt, da brauche es keinen Berufsbachelor. Schuchbauer hält es weiterhin für unsinnig, Berufsbezeichnungen international anzugleichen, solange die Ausbildungsinhalte europaweit nicht vergleichbar seien. "Und das sind sie nicht!", sagt der erfahrene Obermeister aus der Rhön. Er verweist auf Italien, das etwa für Heizungsbauer keine vergleichbare und geregelte Ausbildung habe wie Deutschland.  Ein geregeltes Berufsschulsystem etwa, das dem deutschen ähnele, gebe es in Italien nicht.

    Ullrich Amthor, Bäckermeister aus Waltershausen bei Königshofen und Obermeister der Bäckerinnung für Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld kann als einziger der befragten Handwerksmeister der Neuerung etwas Gutes abgewinnen. "Die Ausdrucksweise hört sich qualifizierter an", meint er. Als Obermeister kennt er das Problem - gerade der Bäcker -, Azubis zu bekommen, ganz genau. Ob er glaubt, die neuen Namen lockten mehr Auszubildende? Nein, so Amthor, aber möglicherweise machten die neuen Namen der Elterngeneration der künftigen Auszubildenden den Bäckerberuf schmackhafter. 

    Mit Berufsbildungsinfotagen, Info-Veranstaltungen am "Girls' Day" oder Workshops versucht bundesweit das Handwerk, jungen Leuten eine Lehre schmackhaft zu machen. In vielen Branchen wird Nachwuchs dringend gesucht.  Foto: Oliver Berg, dpa

    Handwerkskammer-Geschäftsführer drängt auf mehr Mittel für Ausbildung

    Ludwig Paul, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken, betont, dass die neuen Namen die bewährten Abschlüsse - insbesondere den Meister - ja keinesfalls ersetzten, sondern nur ergänzten. "Das sichert den Wert der bestehenden Bildungsmarke 'Handwerksmeister', der ja auch für Verbraucher in Deutschland ein anerkanntes Qualitätssiegel darstellt", so Paul. Er fordert als nächsten Schritt mit Blick auf den Fachkräftemangel zusätzliche Mittel für "moderne und zeitgemäße Ausbildung in den Bildungsstätten". 

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