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    Der nachdenkliche Gewerkschafter

    Ex-IG-Metall-Chef Berthold Huber wird 70
    Früherer Vorsitzenderder IG-Metall Foto: Arne Dedert (dpa)

    Das Twittern fängt er nicht mehr an. Berthold Huber, der am heutigen Samstag 70 wird, sagt: „Ich bin ein analoger Mensch, der Bücher und Zeitungen liebt.“ Er braucht etwas zum Anfassen. „Das ist keine Schande“, meint der frühere Chef der IG Metall im Gespräch.

    Lange bestimmten intensive Jobs sein Leben: Der schlanke Schwabe wurde und ließ sich in die Pflicht nehmen: Mit erst 27 Jahren wurde er Betriebsratsvorsitzender des Bus-Herstellers Kässbohrer in seiner Heimatstadt Ulm. Das sei eine fordernde Zeit gewesen, erinnert sich der gelernte Werkzeugmacher, der später Philosophie und Geschichte studierte. Dass Huber immer wieder verantwortungsvolle Ämter ausübte, ob als IG-Metall-Chef in Baden-Württemberg, Vize und schließlich Vorsitzender der Gewerkschaft auf Bundesebene, ist auch seiner Fähigkeit geschuldet, auf Menschen einzugehen, ihnen zuzuhören. Huber dreht im Gespräch gerne lächelnd den Spieß um und fragt: „Wie sehen Sie das?“

    Der IG-Metall-Mann ist ein Beleg dafür, dass nachdenkliche Menschen, ja Intellektuelle, beliebt sein können. Huber verstand es, sich als Pragmatiker in der IG Metall gegen ideologischer gesonnene Konkurrenten durchzusetzen. Ein Beobachter sagt über ihn: „Er hat die Herzen der Menschen erreicht, auch wenn nicht immer alle alles verstanden haben, was Huber sagte.“

    Da verwundert es nicht, dass ein mit sanfter Stimme sprechender und zu Differenzierungen neigender Mann nach dem Geschmack von Kanzlerin Angela Merkel ist. Während der Finanzkrise stieg der Arbeitnehmer-Vertreter in den Kreis der Berater der CDU-Politikerin auf. Huber setzte sich erfolgreich für die Verlängerung der Kurzarbeit und die Abwrackprämie ein. Dank der Konzertierten Aktion von Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaften wurden Massenentlassungen verhindert. Deutschland kam besser als andere Länder aus der Krise heraus. Es entstanden hunderttausende Jobs, was der IG Metall neue Mitglieder bescherte und sie noch stärker machte. Merkel wusste, was sie an Huber hatte und lud ihn zu einem Essen im Kanzleramt ein. Zum Pragmatiker reifte der IG-Metaller als Gewerkschafter nach der Wiedervereinigung heran. Dazu trugen ungezählte Gespräche mit Menschen in Betrieben bei: „Dort bin ich vom theoretischen Sozialisten zum reformerischen Realisten gereift.“

    Heute wirkt der Gewerkschafter, als habe er den Verlust der Macht gut verdaut. Er freut sich, mehr Zeit mit seiner Familie in Oberursel bei Frankfurt verbringen zu können und nicht mehr wie früher in der Disziplin ein „Schattenmann“ zu sein. An seinem Geburtstag geht Hubert mit seiner Enkelin, die eineinhalb Jahre ist, in den Zoo. Foto: dpa

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