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    WÜRZBURG

    Im Kampf gegen die Scheinwissenschaft

    Wer eine wissenschaftliche Zeitschrift liest, der sollte eigentlich davon ausgehen können, dass alles, was darin steht, vorher nach den Regeln wissenschaftlicher Qualitätssicherung geprüft wurde. Sogenannte Raubverlage unterwandern dieses bewährte System immer mehr: Sie gehen Forscher und Unternehmen zu und bieten ihnen gegen Bezahlung die Veröffentlichung ihrer Beiträge in einem wissenschaftlich anmutenden Journal an. Oft werden dann die Beiträge der Forscher ohne Prüfung wissenschaftlicher Qualitätsstandards innerhalb weniger Tage veröffentlicht.

    Wissenschaft und Halbwahrheiten

    „Nicht alles, was dort publiziert wird, ist Fake. Es gibt dort durchaus auch hochwertige Publikationen“, sagt Katja Klein, Pressesprecherin der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS). Vielmehr entsteht eine Mischung aus seriöser Wissenschaft, Halbwahrheiten und Pseudowissenschaften. Gerade das macht es für Hochschullehrer, Forscher und Studierende so schwer, zu unterscheiden. NDR, WDR und das SZ-Magazin haben in Kooperation mit internationalen Medien herausgefunden, dass weltweit bereits rund 400 000 Wissenschaftler auf Raubverlage hereingefallen sind.

    Das Recherchekollektiv hat auch herausgefunden, dass Deutschland bei diesem Geschäft wohl eine Schlüsselrolle einnimmt. Rund 5000 Forscher sollen hierzulande in solch pseudowissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert haben – unter anderem Mitarbeiter der Helmholtz-Gemeinschaft, der Fraunhofer-Institute, der Universität Hannover sowie ein Nobelpreisträger. Die Veröffentlichungen finden sich laut Recherche auch in den Katalogen von Universitätsbibliotheken sowie in Master- und Doktorarbeiten wieder.

    Keine Bestellung bei unseriösen Verlagen

    Auch für die Hochschulen in Unterfranken wird das zur Herausforderung: „Die Bibliothek achtet bei der Beschaffung von Literatur, insbesondere von eBooks, auf einschlägige, wissenschaftliche Verlage“, sagt Klein. Sollten Beschaffungsvorschläge von Studierenden nicht lektoriert sein, würden sie in der Regel abgelehnt. Plattformen mit freiem Zugang zu wissenschaftlicher Literatur (Open-Access), die die Bibliothek über ihren Online-Katalog anbietet, seien durch Bibliotheksverbünde wie den Bibliotheksverbund Bayern qualitätsgeprüft.

    Open-Access-Publikationen, die aus dem Publikationsfonds der Universität Würzburg finanziert werden, prüft die Hochschule selbst, sagt Pressesprecher Gunnar Bartsch. Die problematischen Buchverlage seien der Universitätsbibliothek bekannt; bestellt werde dort üblicherweise nicht. Auch an der FHWS gibt es laut Klein eine Liste mit rund 20 unseriösen Verlagen.

    Checkliste für Forscher

    Die Liste könne aber nicht vollständig sein, da immer wieder neue Verlage auftauchen oder bestehende ihren Namen ändern. Einfacher ist es laut Bartsch mit einer Positivliste wie dem Directory of Open Access Journals – eine Liste der schwedischen Universität Lund, die nur qualitätsgeprüfte Zeitschriften aufzählt. Die Webseite thinkchecksubmit.org liefert Forschern eine Checkliste, die ihnen dabei helfen soll, die Qualität einer Zeitschrift einzuschätzen.

    Um auch Studierende zu einem kritischen Umgang mit Quellen jeglicher Art zu sensibilisieren, gibt es in den Modulen, Tutorien und Seminaren der Uni Würzburg Veranstaltungen zum Thema „Wissenschaftliche Arbeitstechniken“, die auch über das Publizieren informieren. Aber selbst die Professoren sind nicht davor sicher, in die Falle der Raubverlage zu tappen: Zensurlisten gibt es an den Hochschulen nicht. „Forschung und Lehre sind grundsätzlich frei“, sagt Klein. Die Fachleute müssten selbst unterscheiden können, ob die Inhalte seriös sind oder nicht. In den Bereichen, die die Hochschule überblickt, sei das jedoch bislang kein Problem.

    Lektorat prüft wissenschaftlichen Inhalt

    Das Phänomen geht aber auch nicht an den seriösen Verlagen vorbei: So publiziert der Echter-Verlag in Würzburg nur Werke von Autoren, die eine gewisse Reputation in Fachkreisen haben, sagt Geschäftsführer Thomas Häußner. Der Schwerpunkt des Verlagshauses liegt auf theologischen Publikationen und Büchern zu Religion und Spiritualität. Er arbeite viel mit Autoren zusammen, die Mitglied in einem katholischen Orden sind. Dass sie so tief in der christlichen Spiritualität verwurzelt seien, spreche für „ein Mindestmaß an Seriosität“. „Bei neuen Autoren informieren wir uns über deren Werdegang und Umfeld und fragen eventuell in Fachkreisen nach“, so der Geschäftsführer.

    Anders als bei Selbstverlagen ohne Fachlektorat, gibt es in den seriösen Verlagen Lektoren, die Inhalte fachlich kompetent beurteilen können. Auch der Ergon-Verlag, der Bücher zu Soziologie, Recht, Politikwissenschaft, Philosophie, Pädagogik und Psychologie veröffentlicht, prüft die Manuskripte grundsätzlich auf fragwürdige Inhalte, sagt Mitarbeiter Stephan Specht. „Hilfreich ist es auch, wenn die Publikation Teil einer Reihe ist“, so Specht. Dort prüfen dann die Herausgeber, die selbst Wissenschaftler sind, die wissenschaftliche Substanz der Schriften. „Aber in letzter Instanz können wir nicht ausschließen, dass auch ein unseriöser Wissenschaftler durchdringen könnte“, sagt Specht.

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